Samstag 29 Juli 2023, 01:30

Martas Weckruf als Wegweiser in eine verheissungsvolle Zukunft

  • Emotionaler Appell des Superstars an den brasilianischen Frauenfussball nach dem Aus bei der Frauen-WM 2019 in Frankreich

  • Simone Jatobá und Ana Lorena Marche zwei von vielen, die dem Aufruf folgen

  • Beide Absolventinnen eines der FIFA-Programme zur Frauenförderung

Die Worte von Marta liessen damals niemanden kalt – schon gar nicht Simone Jatobá und Ana Lorena Marche.

Nachdem Brasilien bei der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Frankreich 2019™ im Achtelfinale gegen die Gastgeberinnen ausgeschieden war, hielt eine mit den Tränen kämpfende Marta dem Frauenfussball in ihrer Heimat den Spiegel vor.

„Dies ist ein besonderer Moment. Den muss man nutzen und mehr schätzen ... Ich hatte gehofft, vor Freude lachen oder gar weinen zu können. Denn es ist nun mal so: Zuerst muss man Tränen vergiessen, um am Schluss lachen zu können“, so die Botschaft von Brasiliens herausragender Nummer zehn.

„Ihr müsst mehr wollen, mehr trainieren und mehr geben. Das ist meine Botschaft an alle Mädchen. Es wird nicht immer eine Formiga, eine Marta oder eine Cristiane geben. Der Frauenfussball ist auf euch angewiesen. Denkt daran, und schätzt es mehr. Vergiesst zuerst Tränen, um am Schluss lachen zu können“, sagte sie unmittelbar nach dem Schlusspfiff.

Vier Jahre später ist Brasilien einer der Favoriten auf den Titel bei der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Australien & Neuseeland 2023™ und Marta noch immer eine Stütze des Teams. Seit der unvergessenen Brandrede hat sich hinter den Kulissen des brasilianischen Fussballs einiges getan.

Mit dafür verantwortlich sind Simone Jatobá, Trainerin der brasilianischen U-17-Frauenauswahl, und Ana Lorena Marche, Koordinatorin der brasilianischen Frauennationalteams.

Seitenwechsel

Die einstige Mittelfeldspielerin Jatobá spielte von 2000 bis 2008 an der Seite von Marta im Nationalteam. Gemeinsam wurden sie 2007 in der VR China Vizeweltmeisterinnen und holten sich im Jahr darauf beim Olympischen Fussballturnier in Peking die Silbermedaille. Wohl auch deshalb gingen Jatobá Martas Worte derart unter die Haut.

„Ich spielte damals bei Lyon in Frankreich und durfte für Canal+ die Partie kommentieren und danach das Interview übersetzen“, erzählt Jatobá FIFA.com. „Ich war sehr ergriffen, weil wir hart dafür gearbeitet hatten, so weit zu kommen. Sie verlangte mehr Unterstützung und Professionalität. Als wir im Ausland spielten, sahen wir, was andere Länder für Bedingungen boten und investierten. Brasilien musste nachziehen.“

Quarter-final 2: Germany v Brazil - FIFA U-17 Women's World Cup 2022

„Nach der WM begann sich einiges zum Positiven zu verändern, nicht nur wegen Martas Worte, die schonungslos waren und viele Menschen bewegten, sondern auch, weil es Veränderungen brauchte“, erklärt die 42-jährige, in Frankreich ausgebildete Trainerin.

Eine der Veränderungen betraf Jatobá selbst, die im August 2019 kurz nach ihrem Rücktritt zur Trainerin der brasilianischen U‑17‑Frauenauswahl berufen wurde. „Es freut mich sehr, Teil dieses Prozesses zu sein und die Ausbildung junger Fussballerinnen zu unterstützen. Früher hatten wir nicht so eine solide Fussballbasis wie heute, wo wir neben dem U‑17‑ auch ein U‑15‑Team haben. Die Pandemie hat gewisse Initiativen gebremst, aber wir holen den Rückstand auf.“

Weiterbildung ist für Jatobá das A und O. Deshalb hat sie auch an der zweiten Ausgabe des FIFA-Trainermentoringprogramms teilgenommen. „Ich dachte, dass es sich um einen Kurs wie viele andere handelte. Aber es war weit mehr. Alle Beteiligten gehören zu den Besten ihres Fachs“, schwärmt die Trainerin, die Brasilien bei der FIFA U-17-Frauen-Weltmeisterschaft 2022™ bis ins Viertelfinale führte.

FIFA Coach Mentorship programme workshop, Lisbon

Als Mentorin steht ihr mit Corinne Diacre niemand Geringeres als die ehemalige Trainerin des französischen Frauennationalteams zur Seite. „Der Erfahrungsaustausch ist fantastisch, innovativ und tiefgreifend. Corinne bei der Arbeit zuzusehen oder mich von ihr bei meiner Arbeit unterstützen zu lassen, ist mit nichts zu vergleichen“, betont Jatobá.

Jatobá ist auch eine grosse Bewunderin von Pia Sundhage, die seit 2019 das brasilianische Frauennationalteam betreut und nun bei der Endrunde in Australien und Neuseeland möglichst zum Titel führen soll. Allerdings will Jatobá den Erfolg nicht allein an den Ergebnissen festmachen.

„Die Maschinerie läuft. Wenn das Team nicht gut abschneidet, liegt dies weder an fehlenden Investitionen noch am eingeleiteten Prozess. Alle Länder verbessern sich. Gewinnen kann aber nur eines. Vieles hat sich zum Guten verändert. Diesen Kurs halten wir bei, um uns noch weiter zu verbessern.“

Leidenschaft hinter dem Schreibtisch

Ana Lorena Marche wäre gerne Fussballerin geworden, musste nach ihren Anfängen im Futsal aber einsehen, dass ihre Talente woanders lagen. Im Gespräch mit FIFA.com in Adelaide erzählt sie: „Ich studierte Sportwissenschaften und schrieb danach eine Doktorarbeit. Zum Frauenfussball kam ich erst 2016, als ich merkte, dass ich in der Führung des Sports etwas bewegen kann. Ich begann beim Klub Ferroviária, mit dem wir alles gewannen und der heute zu den grössten in Südamerika gehört.“.

Dort arbeitete sie auch, als Marta ihre Rede hielt. „Ich war gerade in Frankreich, um mir die WM-Spiele anzusehen. Ihre Botschaft war unheimlich kraftvoll. Von da an wollte ich den Wandel mitgestalten. Dieses Turnier sorgte beim brasilianischen Fussballverband auf jeder Stufe des Frauenfussballs für ein Umdenken, nicht nur in Bezug auf die Investitionen“, erklärt die 38-Jährige.

Nach drei Jahren bei Ferroviária wechselte Marche 2020 zum Fussballverband von São Paulo, einem der wichtigsten in Brasilien, ehe sie im Februar 2022 vom brasilianischen Fussballverband (CBF) zur Koordinatorin der Frauennationalteams ernannt wurde.

„Zu zeigen, dass der CBF nicht nur viel investiert, sondern den ganzen Bereich auch enorm professionalisiert, ist mir ein grosses Anliegen. Es ist meine Art, mir einen Traum zu erfüllen“, sagt sie stolz.

Bei ihrer Arbeit kommt ihr auch die Teilnahme an der vierten Ausgabe des FIFA-Programms zur Förderung von weiblichen Führungskräften zugute. „Ich wollte mich als Fach- und Führungskraft besser kennen. Nun kann ich meine Stärken besser einschätzen und sehen, wo ich mich verbessern und dazulernen muss.“

Sie konnte vom Programm aber noch viel mehr profitieren, wie sie hinzufügt: „Es war unheimlich wichtig, andere Frauen zu treffen, die in meinem Bereich tätig sind. Dabei ging es nicht nur darum, Informationen auszutauschen, sondern auch ein solideres und bedeutsameres Netzwerk aufzubauen.“

Noch immer Handlungsbedarf besteht bei der Frauenvertretung, wie sie bedauert: „Wir brauchen mehr Frauen in Führungspositionen, nicht nur im Frauen-, sondern auch im Männerfussball. Wenn ein Gremium vielfältiger zusammengesetzt ist, schlägt sich dies auch auf der Führungsebene nieder. Das ist unser Ziel, damit Brasilien weiterhin eines der besten Teams Südamerikas und der Welt ist.“

Gefragt nach den weiteren Voraussetzungen für das Wachstum, antwortet sie: „Wir benötigen immer besser ausgebildete Trainerinnen im Mädchenfussball und müssen jeden Winkel Brasiliens erreichen. Die Nationalteams machen nicht einmal ein Prozent aller Spielerinnen in diesem Land aus.“

Auch bei den Zielen spricht Marche Klartext: „Der gesamte Prozess hängt nicht vom Erfolg bei dieser WM ab, denn über Titel entscheiden Kleinigkeiten. Der Ausbau der Strukturen in den Ausbildungskategorien steht auf einer soliden Grundlage und wird sich dereinst in Ergebnissen niederschlagen. Nichts wird den eingeschlagenen Kurs ändern, damit der brasilianische Fussball mit seiner unverkennbaren Spielkultur wieder ganz vorne mitmischt.“