FIFA
Donnerstag 09 Juli 2026, 03:00

FIFA-Schiedsrichterdirektor Pierluigi Collina: „Wir lassen uns von niemandem beeinflussen“

Interview mit FIFA-Schiedsrichterdirektor Pierluigi Collina

Mit dem Achtelfinale wurden bei dieser WM bereits 96 Spiele ausgetragen. Wie lautet Ihre Bilanz?

Im Vergleich zur FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Katar 2022 wurden bereits doppelt so viele Spiele ausgetragen, und es stehen noch acht wichtige Partien an.

Insgesamt sind wir zufrieden. Mit so vielen Spielen in relativ kurzer Zeit ist es allerdings auch normal, dass nicht alles nach Plan läuft. In diesem Fall arbeiten alle noch härter, um sich optimal auf das nächste Spiel vorzubereiten.

Konstruktive Diskussionen über Entscheidungen gehören zum Fussball, aber unhaltbare Vorwürfe haben in unserem Sport nichts zu suchen. Niemand hat das Recht, die Integrität der Schiedsrichter bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft anzuzweifeln, da dies Reaktionen auslösen und gar zu Drohungen gegen die Schiedsrichter und deren Familien führen kann. Das darf nicht sein.

Ebenso darf niemand behaupten, dass sich Schiedsrichter beeinflussen lassen – von niemandem, auch nicht vom FIFA-Präsidenten. Er hat das FIFA-Schiedsrichterteam immer voll unterstützt und anerkennt unsere uneingeschränkte Unabhängigkeit. Spieloffizielle treffen ehrliche Entscheidungen und geben wie Spieler und Trainer ihr Bestes.

FIFA Referees' Training in Miami

Gibt es bestimmte Bereiche, auf die Sie sich besonders konzentrieren?

Bei einem Turnier konzentrieren wir uns in der Regel nicht auf bestimmte Vorfälle. Nachdem wir erläutert hatten, worauf die Spieloffiziellen achten werden, wenn Angreifer versuchen, den gegnerischen Torwart daran zu hindern, sich zu bewegen und sein Tor zu verteidigen, wollten wir aber noch einen weiteren Punkt klären, der zu Diskussionen geführt hat.

Nach jedem Tor überprüft der VAR die Angriffsphase mit Ballbesitz. Wenn in der Ballbesitzphase ein Foul festgestellt wird, das das Tor möglicherweise beeinflusst hat, empfiehlt der VAR eine On-field Review. Es gibt keine genaue Grenze, weder hinsichtlich der Entfernung zum Tor noch in Bezug auf die Zeitspanne zwischen dem Vorfall und dem Tor.

Ein Beispiel hierfür war die Partie zwischen Argentinien und Ägypten, bei der die ägyptische Nr. 19, Marwan Attia, der argentinischen Nr. 6, Lisandro Martínez, deutlich auf den Fuss getreten ist.

Wir sind der Meinung, dass ein Foul ein Foul ist. Unabhängig davon, ob ein Foul „offensichtlich“ erscheint oder nicht, kann der VAR eingreifen, wenn es der Schiedsrichter auf dem Spielfeld nicht gesehen hat. 

Wenn in der Ballbesitzphase vor dem Tor kein Foul erkannt wird, wird der Schiedsrichter vom VAR ebenfalls entsprechend informiert. Das Treten auf den Fuss eines Gegners gilt als Foul, während ein Verteidiger, der zuerst den Ball berührt und anschliessend einen regulären Fussballkontakt herstellt, kein Foul begangen hat. Ein weiteres Beispiel dafür gab es am Ende desselben Spiels. Der Schiedsrichter und der VAR stuften dies als normalen Fussballkontakt zwischen Ägyptens Nr. 10, Mohamed Salah, und Argentiniens Nr. 9, Julián Alvarez, ein.

Natürlich wird es bei manchen Entscheidungen immer einen gewissen Grad an Subjektivität geben, aber wir sind zufrieden damit, wie dieser Grundsatz während des gesamten Turniers angewendet wurde.