FIFA
Freitag 17 Juli 2026, 16:00

Die Auswahl der Trikots für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2026™

  • Auswahl der Trikots für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ ein komplexer Prozess, der vom FIFA-Wettbewerbsmanagementteam koordiniert wird

  • „Der Prozess ist kein einmaliger Durchlauf“, sagt Nick Thurston, leitender FIFA-Wettbewerbsmanager

  • Sechzehntelfinale zwischen Portugal und Kroatien mit ganz neuen Problemen

Gemäss Schätzungen von Nick Thurston braucht es etwa 10 bis 15 Minuten, um die Trikots der einzelnen Teams für ein WM-Spiel festzulegen.

Es geht um einiges, denn die Wahl des leitenden FIFA-Wettbewerbsmanagers sowie seiner Wettbewerbsmanagement- und Schiedsrichterkollegen der FIFA entscheidet darüber, wie Teilnehmende und Offizielle auf und neben dem Platz ein Spiel erleben und leiten. Ein Spieler muss sich sicher sein, dass es sich um einen Mitspieler handelt, wenn er aus dem Augenwinkel einen flüchtigen Farbschimmer wahrnimmt. Ein Schiedsrichter muss sofort unterschiedliche Sockenpaare voneinander unterscheiden können, wenn Gegner in der Nähe der Seitenlinie um den Ball kämpfen.

Die Wahl der Trikots hat auch Einfluss darauf, wie die Besucher im Stadion sowie die Zuschauer rund um die Welt das Spiel wahrnehmen. Die Kommentatoren auf den oberen Rängen des Stadions und die begeisterten Fans in den hintersten Reihen müssen sofort erkennen können, wer wer ist. Ebenfalls zu berücksichtigen ist Farbenblindheit oder Sehschwäche. Auch die Technik im Stadion, wie die halbautomatische Abseitstechnologie, Trackingkameras und Systeme mit Video-Schiedsrichterassistenten, muss zwischen den Mannschaften unterscheiden können, um nahtlos zu funktionieren. Neben diesen praktischen Aspekten spielen auch die Tradition, das Kulturerbe und die Vermarktung eine Rolle. Farben sind für Nationen, Fans, Liebhaber von Fussballtrikots, Hersteller und Merchandisinganbieter von grosser Bedeutung.

Uzbekistan v Colombia: Group K - FIFA World Cup 2026

Die Wahl der Trikots ist deshalb sowohl eine Kunst als auch eine Wissenschaft und sorgt in Blogs und den sozialen Medien oft für zahlreiche Reaktionen. Die Farben schreiben mitunter gar Geschichte, wenn ein Spiel fotografiert, festgehalten und wiederholt wird.

15 Minuten scheinen eher knapp bemessen, wenn man bedenkt, um was es geht. Doch dank sorgfältig ausgearbeiteten Ausrüstungs- und Turniervorschriften sowie mehr als einem Jahr akribischer Vorbereitung geht es relativ schnell – und muss es auch, weil sich die Teams zügig auf ihre K.-o.-Spiele vorbereiten wollen. Thurston und sein Team sind gut eingespielt und auf diese 15 Minuten bestens vorbereitet.

Die Vorbereitungen für die erste FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ mit 48 Mannschaften haben vor etwa 18 Monaten so richtig begonnen, als die FIFA-Ausrüstungsarbeitsgruppe (FEWG) die eingereichten Trikotmuster gemeinsam mit den grossen Herstellern geprüft hat.

FIFA Fan Festival Miami - FIFA World Cup 2026

„Unsere Vorbereitungen auf die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2026 sind bereits vor etwa anderthalb Jahren angelaufen, als wir die ersten Trikotmuster begutachtet, die Vorschriften abgestimmt und die Designvorstellungen mit einigen Herstellern geklärt haben“, sagte Thurston.

Bei der Begutachtung ging es in erster Linie um die Kombinationen von Haupt- und Sekundärfarben sowie Designelemente, aber auch um die Vorschriften zur Grösse der Team- und Herstellerlogos sowie die Schriftarten und Gestaltungen der Namen und Nummern.

Der FEWG gehören Vertreter der FIFA-Bereiche Wettbewerbsmanagement, Partnerschaftsrechte und Recht an. Der Neuseeländer Thurston steht seit 2008 bei FIFA-Turnieren im Einsatz und bekleidet seit 2021 eine Vollzeitstelle bei der FIFA in Zürich (Schweiz). Bei der konkreten Zuteilung der Spielkleidung für die einzelnen Spiele während des Turniers arbeitet Thurston mit seinen Wettbewerbsmanagement- und Schiedsrichterkollegen zusammen.

FIFA Match Director Workshop 2024

In einem FIFA-Schreiben vom November 2025 wurden die qualifizierten Länder (sowie jene, die noch um die Qualifikation kämpften) dazu aufgefordert, ihre Teamfarben offiziell einzureichen, d. h. erste, zweite und gegebenenfalls dritte Spielkleidung sowie mindestens drei Torhüterausrüstungen. Eine Spielkleidung musste klar dunkel, eine andere deutlich hell sein. Jedes Team musste der FIFA physische Muster seiner Ausrüstung zustellen, die zur Begutachtung ausgelegt und fotografiert wurden. Die FEWG achtete dabei auch auf möglicherweise problematische Aspekte wie die Austauschbarkeit von Hosen und Socken, die Lesbarkeit der Schrift oder Trikot- oder Kleidungskombinationen, die mit Blick auf den Spielplan genauer zu prüfen sind.

Ein solcher Fall war das legendäre rot-weiss karierte Trikot der kroatischen Nationalmannschaft bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2026™. Früher enthielt das Trikot so viel Weiss, dass es als „helle“ Variante eingestuft wurde. Die Kroaten trugen es beispielsweise im Finale der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2018™ gegen Frankreich, das komplett in Blau antrat.

„Das Design für 2026 hat sich weiterentwickelt und unterscheidet sich erheblich von früher“, erklärte Thurston. „Diesmal waren die Quadrate auf dem Trikot kleiner. Insgesamt wird das Trikot als überwiegend rot wahrgenommen, weil es stärker verpixelt ist.“

Croatia v Ghana: Group L - FIFA World Cup 2026

Als Kroatien im Achtelfinale auf Portugal traf, waren Thurston und sein Team bestens vorbereitet. Portugals tiefrote erste Spielkleidung würde sich nicht genug von Kroatiens „pixeligem“ Schachbrettmuster abheben. Rot gegen Blau ist nach Möglichkeit zu vermeiden, da Zuschauer mit Farbsehschwäche beide Farben als „dunkel“ wahrnehmen. Bei diesem K.-o.-Spiel in Toronto (Kanada) mussten daher beide Mannschaften in ihrer zweiten Spielkleidung antreten, d. h. Portugal in Weiss mit petrolfarbenen Akzenten und Kroatien in Dunkelblau.

Portugals dramatischer 2:1-Sieg war ein seltenes Beispiel für ein Spiel, bei dem keine der beiden Mannschaften ihre erste Spielkleidung trug. Bei jedem WM-Spiel wird im Spielplan ein Team als „Team A“ und das andere als „Team B“ bezeichnet. Zusammen mit den von den teilnehmenden Mitgliedsverbänden eingereichten Entwürfen für die erste und die zweite Spielkleidung bildet diese Einteilung den Rahmen für die Zuteilung der Farben für die einzelnen Spiele.

Portugal v Croatia: Round Of 32 - FIFA World Cup 2026

„Zunächst werden die Farben für die Feldspieler von Team A bestimmt, dann für die Feldspieler von Team B. Danach kommen der Torwart von Team A sowie von Team B, ehe die Schiedsrichter an der Reihe sind“, so Thurston.

Doch oft liegt der Teufel im Detail, wie das Spiel zwischen Portugal und Kroatien gezeigt hat.

„Der Prozess ist mit einem Durchlauf nicht abgeschlossen“, fuhr Thurston fort. „Wenn wir die optimalen Farben am Ende des Prozesses noch nicht gefunden haben, fangen wir nochmals von vorne an und orientieren uns daran, was tatsächlich vorliegt.“

Grund dafür ist, dass die Farbenzuteilung nicht immer nur von den Teambezeichnungen und dem Kontrast abhängt.

So muss „Team A“ möglicherweise leicht von seiner bevorzugten Wahl abweichen, da „Team B“ nicht über Ausrüstungsgegenstände wie Hosen oder Socken verfügt, die den erforderlichen Kontrast zwischen den Mannschaften gewährleisten.

Ebenfalls eine Rolle spielen die Lichtverhältnisse (Tag oder Nacht, drinnen oder draussen) und die Wetterbedingungen. Bei grellem Sonnenlicht ist Gelb gegen Weiss oft keine gute Wahl, und bei Regen kann sich der Kontrast bei manchen Trikotstoffen verändern.

USA v Belgium: Round of 16 - FIFA World Cup 2026

Manchmal empfiehlt sich auch ein Blick in die Vergangenheit. Im Achtelfinale gegen Belgien trugen die USA, Co-Gastgeber der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2026™, ihre dunkelblaue zweite Spielkleidung, obwohl sie „Team A“ waren. Für die FIFA war das eine naheliegende Entscheidung, da eine Begegnung zwischen den beiden Ländern im März für ästhetische Kontroversen gesorgt hatte. Aus der Ferne verschmolz das rot-weisse Haupttrikot der US-Amerikaner fast nahtlos mit dem hellblau-rosa Ersatztrikot der Belgier.

Die FEWG lernt aber auch aus ihren eigenen Erfahrungen. Im abschliessenden Spiel der Gruppe E zwischen Ecuador und Deutschland am 25. Juni kam es aufgrund der Kameraeinstellungen im New-York-New-Jersey-Stadion zu einer optischen Beeinträchtigung, da sich das blaugrüne Trikot des Schiedsrichters Tori Penso nicht genug von den Hosen und Socken der zweiten Spielkleidung der deutschen Mannschaft abhob.

Ecuador v Germany: Group E - FIFA World Cup 2026

Natürlich haben auch Teams Vorlieben. Tradition, Aberglaube und Marketing spielen dabei eine wichtige Rolle. Co-Gastgeber Kanada wollte etwa in den K.-o.-Spielen gegen Südafrika und Marokko seine komplett schwarze zweite Spielkleidung tragen. Mexiko bat derweil darum, in den drei Gruppenspielen jeweils unterschiedliche Trikots tragen zu dürfen. Vor vier Jahren bei der WM in Katar wollte Frankreich im Finale gegen Argentinien ganz in Blau und nicht etwa wie sonst in Blau, Weiss und Rot antreten, da das Team 2018 in diesem einfarbigen Dress Weltmeister geworden war.

Schliesslich geht es auch um die Logistik. Die Teams haben unterschiedliche Lagerbestände für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™, die mit Fortdauer des Turniers eine immer wichtigere Rolle spielen.

Mexico v England: Round Of 16 - FIFA World Cup 2026

Jedes Team trifft sich bei Ankunft vor Turnierbeginn mit den FIFA-Wettkampfbeauftragten. Bei dieser Auftaktsitzung und danach auch bei der Spielkoordinationssitzung jeweils am Tag vor einem Spiel werden die Trikots begutachtet, der Bestand erfasst und die Farbzuteilungen für die Gruppenspiele (die einen Monat vor Turnierbeginn bekannt gegeben werden) besprochen. Bei den beiden Sitzungen wird nochmals überprüft, ob die besten Entscheidungen getroffen wurden, und je nach Turnierverlauf mögliche Änderungen für die K.-o.-Phase ins Auge gefasst.

„Einige Mannschaften haben pro Spieler und Spiel vier Trikotsätze, andere vielleicht nur ein oder zwei“, sagte Thurston.

Wenn ein Trikot für einen Spieltag angepasst wird, darf es danach nicht mehr getragen werden. Das FIFA-Wettbewerbsmanagement steht daher in ständigem Kontakt mit den teilnehmenden Teams, um ihre Wünsche und andere logistische Aspekte zu klären.

Das hat ebenfalls Auswirkungen auf diese 15 Minuten.

Egypt v IR Iran: Group G - FIFA World Cup 2026

„Das ist einfach Teil unseres täglichen Austausches. Es ist ja nicht so, dass die Teams im Stadion auftauchen und wir zwischen den Spielen nicht miteinander reden. Wir stehen in regelmässigem Kontakt mit dem Management der Mannschaften, vor allem über die FIFA-Spieldirektoren, die Team Liaison Officer und die FIFA-Team-Services-Kollegen“, betonte Thurston.

„Und falls sie bestimmte Wünsche haben, arbeiten wir eng mit den Teams zusammen“, fügte er hinzu. „Man weiss ganz einfach, an wen man sich wenden muss und umgekehrt. Dank diesem Dialog läuft es bei den Spielen für alle Beteiligten reibungsloser.“

Der letzte Schritt im Prozess der Farbauswahl ist die Spielkoordinationssitzung jeweils am Tag vor einem Spiel. Der FIFA-Spieldirektor prüft und fotografiert dabei die Farbzuordnung der kompletten Spielkleidung beider Teams sowie der Schiedsrichter, damit die Auswahl den Teilnehmenden, der Kulisse, der Technik und den Fans effektiv gerecht wird. Damit sollte alles erledigt sein. Die Besprechung vor dem Spiel dient in der Regel der letzten Kontrolle und abschliessenden Bestätigung der Arbeit, die über Monate und Jahre hinweg – sowohl in künstlerischer als auch in wissenschaftlicher Hinsicht – in die Auswahl der Spielkleidung geflossen ist.

Brazil v Japan: Round Of 32 - FIFA World Cup 2026

„Die Variationsmöglichkeiten sind zum Zeitpunkt des Spiels und bei der eigentlichen Farbzuordnung bereits etwas eingeschränkt. Deshalb gibt es die Ausrüstungskontrollen mit den Herstellern, die Vorlage der Ausrüstung zur Prüfung vor dem Turnier sowie die Auftakt- und Spielkoordinationssitzungen“, sagte Thurston.

„Es geht darum, ein Gleichgewicht zwischen dem Erlebnis bei einem Fussballspiel, den Farben der Nationalteams und weiteren Aspekten zu finden“, fügte er hinzu. „Alles wird berücksichtigt, damit wir letztlich eine optimale Farbverteilung für alle Interessengruppen erreichen – einschliesslich der Teams selbst, der Schiedsrichter, der Medien, der Kommentatoren, der Fans im Stadion und der Fernsehzuschauer auf der ganzen Welt.“