Als Lourdes Morenos Mutter starb, brach für sie eine Welt zusammen. Sie wollte sogar das aufgeben, was ihr am meisten bedeutete. La Kika war einfach untröstlich. "Ich war deprimiert und wollte mich von allem zurückziehen. Ihr Tod ist das schlimmste, was mir je passiert ist. Daraufhin beschloss ich, meine Fussballschuhe an den Nagel zu hängen." Sie war 18 Jahre alt und hatte eine glänzende Zukunft vor sich, doch in diesem Augenblick war ihr alles egal.
Glücklicherweise ist das aber nicht das Ende der Geschichte. Ihr Vater Juan José und ihre Geschwister überzeugten sie davon, dass Aufgeben keine Lösung ist. "Meine Familie hat mich wieder zur Vernunft gebracht", berichtet sie im Gespräch mit FIFA.com. "Sie haben mir alle gesagt, dass ich nicht einfach aufgeben kann, dass meine Mama mich immer unterstützt hat. Nach fünf oder sechs Monaten Pause haben sie mich dann überzeugt, weiterzumachen, als ich wieder in die Nationalmannschaft berufen wurde."
Seitdem sind fast anderthalb Jahre vergangen, und die Mittelfeldspielerin hat ein Lächeln auf den Lippen, als wir uns in ihrem Hotel in Port Moresby (Papua-Neuguinea) mit ihr unterhalten. "Du kommst nicht darüber hinweg, denn das ist etwas, was du nie vergisst. Aber du lernst, damit zu leben." Unter anderem hat sie gelernt, den Schmerz in Motivation umzumünzen, und daher gibt es wohl kaum jemanden, der sehnsüchtiger darauf wartet als sie, dass der Ball bei der FIFA U-20-Frauen-Weltmeisterschaft endlich rollt. Darüber hinaus steht La Kika kurz davor, Geschichte zu schreiben. Bis jetzt kann nämlich niemand in ihrem Land von sich behaupten, die Vinotinto bei zwei Weltmeisterschaften aufs Feld geführt zu haben.
"Das ist eine große Verantwortung. Ich bin dem Trainerstab und meinen Teamkameradinnen sehr dankbar für die Unterstützung und das Vertrauen, das sie mir entgegenbringen." Mit ihr als Spielführerin ließ Venezuela mit einem vierten Platz bei der U-17-Frauen-WM 2014 in Costa Rica aufhorchen. Vor wenigen Wochen landete das Team bei der nächsten Turnierauflage in Jordanien auf dem gleichen Platz. Die Spielerin hätte nichts dagegen, mit ihrem Team nun dieselbe Platzierung zu erreichen. "Unser Ziel ist es, bis zum Finale, bis zum Ende der WM dabei zu sein."
Die Vinotinto muss es mit dem amtierenden Weltmeister Deutschland, Mexiko und der Republik Korea aufnehmen, und nur zwei Teams kommen weiter. Doch für La Kika ist die Sache ganz klar. "Wir haben keine Angst. Es wird nicht leicht für uns werden, aber für die anderen auch nicht. Wir werden nervös sein, wie vor jedem Spiel, und stehen unter dem Druck, gute Ergebnisse holen zu müssen. Doch wir sind darauf eingestellt."
Keine Deyna-Abhängigkeit Vor allem wissen die Spielführerin und viele ihre Teamkolleginnen bereits genau, wie man sich fühlt, wenn man im Tunnel darauf wartet, endlich auflaufen zu können, oder wenn die Hymnen abgespielt werden. Denn dieses Team hat bereits viel Erfahrung. Zu den "Alten Hasen" im Trikot Venezuelas gesellen sich Akteurinnen, die bereits Feuertaufen bei Südamerikameisterschaften, Bolivarischen Spielen und der Copa América für A-Nationalmannschaften bestanden haben. "Wir haben eine sehr gute Mannschaft", versichert sie.
Daher ist man im venezolanischen Lager auch nicht übermäßig beunruhigt über die Abwesenheit von Deyna Castellanos, der derzeit wohl bekanntesten Spielerin Venezuelas, die in Jordanien für Furore gesorgt hat. "Es ist natürlich schade, dass sie nicht kommen konnte, aber wenn man der U-17 eine Deyna-Abhängigkeit nachgesagt hat, dann wird uns das hier nicht passieren. Hier kann jede Spielerin eine Hauptrolle spielen."
14 Stunden Zeitverschiebung liegen zwischen Venezuela und Papua, und doch gibt es keinen Zweifel daran, dass die Menschen zu Hause ihr Team mit voller Kraft unterstützen werden. "Wir erfahren dort jetzt viel Unterstützung, und viele Leute erklären in den sozialen Netzwerken, dass sie sich unser Spiel gegen Deutschland anschauen werden." Unter denen, die sich am 14. November um 2:00 Uhr morgens vor den Fernseher setzen werden, um das Auftaktspiel der Vinotinto zu verfolgen, ist auch ihre gesamte Familie. "Sie haben mir gesagt, dass sie die Nächte durchmachen werden, um sich die Spiele anzuschauen. Meine ganze Familie wird danach schwarze Ringe unter den Augen haben", meint sie lachend.
Im Einzelnen sind dies ihr stolzer Vater Juan José, ihr älterer Bruder Juan, mit dem sie auf der Straße mit dem Fussballspielen begonnen hat, sowie ihre beiden Schwestern Yolimar und Yesimar, die wohl "eher Models als Fussballspielerinnen sein könnten". Trotzdem möchten sie das große Abenteuer der Vinotinto keinesfalls verpassen.
Auch Nuri, die Mutter, ist auf eine andere Weise immer dabei, nämlich in den Gedanken ihrer Familie und in Form der Tätowierung mit ihrem Namen und Geburtsdatum, die die Spielerin sich stechen lassen hat. "Die Tore und alle meine Erfolge werde ich ihr und meiner Familie widmen." Die Geschichte von La Kika ist nämlich keinesfalls zu Ende, sondern fängt gerade erst an.