Dienstag 13 September 2016, 05:50

Abril: "Die Gruppenphase überstehen"

In der Auftaktpartie "seiner" FIFA Futsal-Weltmeisterschaft gegen Portugal hatte Kolumbien sechs Sekunden vor dem Abpfiff noch mit 1:0 geführt und damit einen wichtigen Sieg vor Augen. Mit einem Freistoß in der eigenen Hälfte hätte das gastgebende Team nur noch die restliche Zeit überstehen müssen, bevor die bis auf den letzten Platz gefüllte Halle in Jubelstürme ausgebrochen wäre.

Doch die Ausführung des Freistoßes misslang und führte zu einem Einkick für die Portugiesen. Da waren nur noch drei Sekunden zu spielen. Genug für Cardinal, um den Ball anzunehmen und ihn nach einer halben Körperdrehung zum 1:1-Ausgleich ins gegnerische Netz zu jagen. Dies wiederum warf bei den einheimischen Fans die Frage auf, wie das nur passieren konnte.

"Uns hat in diesem Moment das gefehlt, was wir 'den Geist der Indios' nennen", so Jorge Abril, einer der heldenhaften Verteidiger der kolumbianischen 1:0-Führung bis zum Last-Minute-Ausgleichstreffer der Iberer gegenüber FIFA.com.

Diese Redewendung spielt auf eine Charaktereigenschaft an, die die Kolumbianer der Überlieferung nach von ihren indianischen Vorfahren geerbt haben, um alle möglichen Probleme zu lösen, und zwar generell mit Geschick und Gewitztheit.

Was Abril anbelangt, so hat er diese Eigenschaft zum Teil bei inoffiziellen Futsal-Turnieren in den ärmeren Vierteln seiner Heimatstadt Bogotá oder in ländlichen Gegenden, bei denen um Geld gespielt wurde, erworben. Dadurch kann der inzwischen 29-Jährige, wenn sein Klub Real Bucaramanga in der Liga Argos spielfrei hat, "ein bisschen mehr Geld mit nach Hause bringen".

Entscheidungen fürs Leben "Das mit diesen Turnieren ist für uns etwas ganz Normales", meint Abril, der verheiratet ist und einen dreijährigen Sohn hat, der wie sein stolzer Papa bereits ein straffer Rechtsfuß ist.

"Die örtlichen Bürgermeisterämter organisieren die Turniere und laden uns dazu ein. Wir sind eine Truppe von acht bis zehn Freunden und wir haben einen Sponsor. Manchmal spielen wir von Mittwoch bis Sonntag, und das über rund sieben Wochen. Klar, das geht ganz schön in die Beine, aber Probleme oder Reibereien gibt es dabei nicht", erklärt die Nummer acht der Cafeteros.

"Ich wäre gern zu 100 Prozent Futsal-Profi. Aber unsere Liga ist erst vor Kurzem ins Leben gerufen worden. Und weil es keine Angebote aus dem Ausland gibt, muss man sich eben nach Alternativen umsehen", so der gebürtige Hauptstädter, der für kurze Zeit bereits in Kuwait und Venezuela Futsal gespielt hat.

Doch Abril weiß auch, dass die aktive Zeit eines jeden Fussballers von begrenzter Dauer ist. Daher absolviert er ein Studium zum staatlichen Finanzbuchhalter. "Ich bin im dritten Studienjahr. Jetzt fehlen mir noch zwei. Wenn das mit dem Sport einmal zu Ende geht, bleibt mir immer noch der Beruf."

Lektion gelernt Derweil genießt er erst einmal die Austragung der FIFA Futsal-Weltmeisterschaft im eigenen Land. Schließlich ist es für ihn nach Thailand 2012 die zweite Teilnahme an diesem Turnier. "Dass ich jetzt vor den Augen meiner Familie und meiner Freunde spiele, ist die Erfüllung eines Traumes", so Abril, der sich als 16-Jähriger für Futsal entschieden hat. "Die Stimmung war unglaublich, und ich meine, dass wir den Leuten ein echtes Spektakel geboten haben."

Und das trotz des späten Nackenschlags in Form des Ausgleichstreffers von Cardinal. "Uns hat die nötige Gelassenheit und Abgeklärtheit gefehlt. Wir waren nicht in der Lage, den 'Geist der Indios' bis zum Schlusspfiff umsetzen. Aber das wird uns nicht noch einmal passieren, denn wir haben unsere Lektion gelernt."

Das Unentschieden ändert im Grund nichts an der Zielstellung Kolumbiens. "Bei einer Weltmeisterschaft einen Punkt zu holen, ist immer wichtig. Denn der eröffnet uns für die zweite Begegnung größere Chancen, als wenn wir verloren hätten. Jedenfalls werden wir die Usbeken keinesfalls unterschätzen. Auf dem Spielfeld heißt es immer Fünf gegen Fünf. Und unserer vorrangiges Ziel ist es nach wie vor, die Gruppenphase zu überstehen."