Appell des Leiters der FIFA-Abteilung für Menschenrechte und Diskriminierungsbekämpfung, die Kluft zwischen dem Fussball und den Strafjustizsystemen zu schliessen
„Opfer brauchen jemanden, der ihnen zuhört“, so die ehemalige Kapitänin des kenianischen Frauennationalteams Terry Ouko
Podiumsdiskussion im Rahmen des Kongresses der Vereinten Nationen zur Verbrechensverhütung und Strafrechtspflege
Bei einem hochkarätig besetzten Kongress der Vereinten Nationen zur Verbrechensverhütung haben FIFA-Vertreter erklärt, dass sich Spieler sicher fühlen müssen, wenn sie Fälle von Rassismus und andere Übergriffe melden. Des Weiteren haben sie betont, dass die Zusammenarbeit mit den Strafverfolgungsbehörden ein wesentlicher Bestandteil der Bekämpfung von Diskriminierung im Fussball ist.
Im Rahmen des 15. Kongresses der Vereinten Nationen zur Verbrechensverhütung und Strafrechtspflege in Abu Dhabi (Vereinigte Arabische Emirate) organisierten die FIFA und das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) eine Podiumsdiskussion, um rechtliche und politische Aspekte der Bekämpfung von rassistischen Straftaten und Hassverbrechen im Sport zu erörtern. Die Podiumsdiskussion war die jüngste Initiative in der Zusammenarbeit zwischen den beiden Organisationen, die 2023 mit einer Grundsatzvereinbarung besiegelt worden war.
„Opfer von Rassismus beweisen Mut, wenn sie reden. Sie verdienen Institutionen, die denselben Mut zeigen“, sagte Gerd Dembowski, Leiter der FIFA-Abteilung für Menschenrechte und Diskriminierungsbekämpfung. „Sie müssen sich sicher fühlen, wenn sie Missbrauch melden, und klare Informationen darüber erhalten, wie es weitergeht, sowie angemessenen Schutz und Unterstützung erfahren. Das gilt für einen Profispieler vor Tausenden von Zuschauern genauso wie für einen jungen Fussballer im Kinderfussball.“
Nach der Verabschiedung der globalen Motion gegen Rassismus beim 74. FIFA-Kongress im Mai 2024 in Bangkok (Thailand) gründete die FIFA einen Spielerausschuss mit ehemaligen Spielerinnen und Spielern, um sich hinsichtlich der zu ergreifenden Initiativen und Massnahmen beraten zu lassen. Der Spielerausschuss wurde bei seiner Arbeit im Rahmen einer Vereinbarung mit der FIFA vom Zentrum für Sport und Menschenrechte (CSHR) unterstützt.
Laut Gerd Dembowski besteht eine der grössten der vom Spielerausschuss identifizierten Herausforderungen darin, die Kluft zwischen dem Fussball und dem Strafrechtssystem in den verschiedenen Ländern zu schliessen.
„Als der Spielerausschuss und die FIFA diese Arbeit weiter vertieften, schienen diese Institutionen weit entfernt von der alltäglichen Realität des Fussballs zu sein – und für uns schwer zu erreichen. Es gab keinen einfachen Weg von der Feststellung rassistischer Beleidigungen bis hin zur Gewährleistung, dass die zuständige Behörde im Rahmen der geltenden Rechtsvorschriften Massnahmen ergreifen konnte“, sagte er.
„Wir wollen die Kluft zwischen dem Fussball und der Strafjustiz verringern. Durch unsere Zusammenarbeit mit dem UNODC und dank den Beiträgen von Spielern und Experten haben wir begonnen, die Brücke zu bauen, die wir uns zum Ziel gesetzt haben.“
Laut seinen Worten sollten die Empfehlungen des Spielerausschusses die Gesetzgeber dazu bringen:
den Opfern das Vertrauen zu vermitteln, dass ihnen jemand zuhört,
sicherzustellen, dass Polizei und Staatsanwaltschaft über die Gesetze, die Ausbildung und die Ressourcen verfügen, die sie zum Handeln benötigen,
eine wirksame Verbindung zwischen dem Fussball und der Justiz herzustellen, damit die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden können und gleichzeitig das den Opfern zugefügte Leid angemessen anerkannt wird.
Terry Ouko, ehemalige Kapitänin des kenianischen Frauennationalteams und Mitarbeiterin des Sekretariats des FIFA-Spielerausschusses, sagte, dass es insbesondere junge afrikanische Spielerinnen teuer zu stehen kommen könne, ihre Meinung zu sagen.
Wenn ein Spieler beispielsweise einen Vorfall nicht meldet, muss man sich immer fragen, was eine Meldung für Konsequenzen gehabt hätte. „Was hätte die Anzeige den Spieler gekostet? Seinen Vertrag? Sein Aufgebot? Seine Spielzeit? Seinen Marktwert? Sein Visum? Seinen Ruf? Und manchmal sogar den Lebensunterhalt einer ganzen Familie“, sagte sie. „Deshalb sollte eine opferzentrierte Justiz die zugrunde liegenden Lebensumstände des Opfers berücksichtigen. Wenn Spieler rassistische oder sonstige Beleidigungen melden, brauchen sie mehr als nur ein Verfahren. Sie brauchen jemanden, der ihnen zuhört.“
Gemäss Terry Ouko ist es nicht möglich, eine wirksame Strategie gegen Rassismus zu entwickeln, ohne die davon betroffenen Menschen einzubeziehen. Dies gilt insbesondere für Spielerinnen, da Diskriminierung mit Rassismus, Sexismus, Nationalität, Migrationshintergrund und wirtschaftlicher Benachteiligung zusammenhängen kann.
„Ein opferzentrierter Ansatz sollte den gesamten Menschen betrachten, nicht nur den Vorfall“, betonte sie. „Wir müssen Systeme schaffen, die mehr tun, als nur Fehlverhalten zu bestrafen. Wir müssen Systeme entwickeln, die zuhören, schützen, reparieren und vorbeugen, weil in jedem Trikot ein Mensch steckt. Und dieser Mensch darf niemals unsichtbar werden.“
Nach ihrer Ansicht sind genau aus diesem Grund eine solide Rechtsstaatlichkeit sowie Straf- und opferzentrierte Justiz wichtig. „Daher müssen die rechtlichen Empfehlungen der FIFA und des UNODC dazu, wie Regierungen dazu bewegt werden können, Rassismus und Hass im und um den Fussball herum zu bekämpfen, fertiggestellt werden“, erklärte sie. „Und vor allem müssen Sie das Gelernte zu Hause in die juristische Praxis umsetzen.“
Der Kongress der Vereinten Nationen zur Verbrechensverhütung und Strafrechtspflege ist das weltweit grösste und vielfältigste Treffen von politischen Entscheidungsträgern, Fachleuten aus der Praxis, Wissenschaftlern, zwischenstaatlichen Organisationen und Vertretern der Zivilgesellschaft im Bereich der Verbrechensverhütung und Strafrechtspflege.