Als die ehemalige chinesische Spielführerin Sun Wen Ende 2005 nach zweijähriger Verletzungspause in die Nationalmannschaft zurückkehrte, wurde sie von ihrer langjährigen Freundin Kristine Lilly bestärkt und unterstützt. Lilly selbst ist seit langem die absolute Leistungsträgerin des U.S.-Teams. Ein Jahr und neun Monate später will die scheinbar ewig junge Amerikanerin ihren Namen nun mit einem neuen Rekord in den Fussball-Geschichtsbüchern verewigen: Mit der Teilnahme in China wird sie die einzige Spielerin sein, die bei allen fünf FIFA Frauen-Weltmeisterschaften dabei war. Sun Wen muss das Turnier hingegen von der Tribüne aus verfolgen, nachdem sie letztes Jahr gezwungen war, ihre glanzvolle Karriere zu beenden.
"Lillys körperliche und mentale Stärke ist beneidenswert, trotzdem bin ich nicht etwa neidisch auf sie", so Sun Wen kürzlich in einem Interview mit FIFA.com. "Ich wünsche ihr von ganzem Herzen, dass sie die Fussballwelt auch bei der anstehenden WM wieder beeindrucken kann."
Die beiden Pioniere des Frauenfussballs, China und die USA, haben sich auf der Weltbühne bereits bei mehr als einer Gelegenheit gegenübergestanden. Aus der Rivalität auf dem Spielfeld hat sich inzwischen allerdings eine Freundschaft zwischen den beiden Mannschaften entwickelt. Auf diese Weise hat sich auch Sun Wen mit einer Reihe von Amerikanerinnen angefreundet, unter anderem mit Kristine Lilly.
Ein großes Vorbild Sun Wen machte Lillys Bekanntschaft, als sie im Jahre 2001 in der damaligen U.S.-amerikanischen Profiliga WUSA für Atlanta Beat spielte. "Lilly ist zwei Jahre älter als ich und ein Vorbild für mich", so die chinesische Starspielerin. "Ich kann ihr allerdings wegen meiner ernsthaften Verletzungen nicht mehr nacheifern."
Über ein Jahrzehnt war Sun Wen die beste Torjägerin der Chinesinnen, und sie war bei vier Auflagen der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft dabei. Am Ende hatte sie jedoch immer wieder unter Verletzungen zu leiden, die sie schließlich zwangen, die heißgeliebten Fussballschuhe an den Nagel zu hängen. "Genau wie ein Auto regelmäßige Inspektionen braucht, müssen auch die Spielerinnen regelmäßig Zeit haben, um sich vom Druck und Stress des Fussballs entspannen zu können. Andernfalls wird die Spielerkarriere entscheidend verkürzt", erklärt Sun Wen. "Lilly und ihre Mannschaft haben das Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit besser austariert als wir. Deshalb konnten sie ihre Bestform auch über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten."
Dass Sun Wen nach der WM 2003 in den USA nicht mehr in Chinas Nationalmannschaft vertreten war, sahen viele als schweren Verlust. Als der ehemalige Trainer Ma Liangxing vor zwei Jahren das Ruder nochmals übernahm, überredete er die ehemalige Spielführerin daher sogleich, wieder ins Team zurückzukehren. "Viele meiner Mannschaftskameradinnen baten mich, zurückzukommen. Oftmals verglichen sie mich mit Lilly. Als ich dann Anfang 2006 zum Vier-Nationen-Turnier tatsächlich wieder dabei war, kam auch Lilly selbst auf mich zu und gratulierte mir", erinnert sich Sun Wen. "Wir haben uns gut unterhalten und uns gegenseitig das Versprechen gegeben, dass wir uns in einem Jahr bei der Frauen-Weltmeisterschaft wiedersehen würden."
Die nächsten Monate wurden für Sun Wen jedoch zu einer harten Zeit. Sie erlitt erneut Verletzungen und war schließlich gezwungen, ihre Karriere zu beenden. "Es ist wirklich schade, dass ich jetzt bei der WM nicht mehr gegen Lilly antreten kann. Trotzdem wünsche ich ihr ein erfolgreiches und schönes Turnier."
Neue Hoffnung Trotz ihres Karriereendes hat sich Sun Wen nie ganz aus dem Fussball zurückgezogen. Die zweite Frauen-WM in China steht kurz bevor, und sie hat viel Spaß an ihrer neuen Rolle als FIFA-Botschafterin für Frauenfussball gefunden.
"Als erfahrene Spielerin, die bei allen vorherigen Auflagen der FIFA Frauen-WM dabei war, freut es mich sehr, zu sehen, dass der Frauenfussball auf der ganzen Welt konstante Fortschritte gemacht hat. Bei der ersten Frauen-Weltmeisterschaft konnten nur wenige der teilnehmenden Mannschaften überzeugen. Jetzt sind alle 16 qualifizierten Länder starke Teams, von denen keines unterschätzt werden sollte."
Sun Wen glaubt, dass die traditionellen Fussballmächte gute Chancen auf den Titel haben. "Titelverteidiger Deutschland und der zweimalige Weltmeister USA sind ohne Zweifel heiße Titelanwärter. Auch Brasilien, Schweden und Norwegen gehören zu den Spitzenmannschaften."
Die Gewinnerin des Goldenen Schuhs und des Goldenen Balls von adidas bei der WM 1999 in den USA hatte ihr Team damals bis ins Finale geführt. Dort unterlagen die Chinesinnen den Gastgeberinnen erst im Elfmeterschießen. Sun Wen hofft nun, dass die neue Generation an die Erfolge der alten anknüpfen kann.
"Das Team macht unter der Leitung der neuen Trainerin Marika Domanski-Lyfors eindeutig Fortschritte. Obwohl es der Mannschaft noch an Erfahrung mangelt, gehört sie noch immer zur Weltelite. Mit einer guten Mischung aus erfahrenen Akteurinnen und talentierten Nachwuchsspielerinnen ist das Team mit Sicherheit in der Lage, das ganze Land stolz zu machen", meint Sun Wen abschließend.