Wenn am 12. April die U.S.-amerikanische National Women's Soccer League (NWSL) in ihre zweite Saison startet, werden die Spielerinnen wieder zu Höchstleistungen auflaufen, um sich für ihre Nationalmannschaften zu empfehlen. Ein Star wird dabei besonders strahlen: Abby Wambach, die derzeitige Fussball-Ikone der USA.
Seit dem 20. Juni 2013 ist die Ausnahmestürmerin der Stars & Stripes neue Rekordtorschützin im Weltfussball. Die bisherige Rekordhalterin Mia Hamm hatte bis zu ihrem Karriereende im Jahr 2004 in 275 Länderspielen insgesamt 158 Mal getroffen. Wambach kommt bisher auf 167. Und der Torhunger der FIFA-Weltfussballerin von 2012 ist längst noch nicht gestillt, denn ein Titel fehlt der 33-Jährigen noch: der WM-Titel. Mit FIFA.com sprach Wambach exklusiv über das weltweite Kräftemessen, die NWSL, gebrochene Rekorde und einen Tweet von U.S.-Präsident Barack Obama. Vor dem Start der neuen U.S.-Frauenliga NWSL im letzten Jahr waren Sie sehr aufgeregt. Wie sieht Ihr Fazit nach der ersten Saison aus? Ich halte die erste NWSL-Saison für einen Erfolg. In den vergangenen Jahren wurde einiges übertrieben, was die Ausgaben für Stadien und die Gehälter für Mitarbeiter und Spielerinnen angeht. Jetzt geht es gewissermaßen wieder bei Null los. Einigen mag das zu wenig sein. In gewisser Weise stimme ich dem sogar zu, aber es ist ja nicht so, dass es das für eine Profiliga so wichtige Wachstumspotenzial nicht gäbe, das ich speziell für den Frauenfussball in den USA für sehr wichtig halte. Es ist egal, wo man anfängt. Entscheidend ist, dass es von dort aus aufwärts geht und man nicht stehen bleibt und es abwärts geht. Alles in allem bin ich sehr stolz auf meine Mannschaft und generell auf alle Spielerinnen, die mitgemacht haben, damit dieser Liga hoffentlich Dauerhaftigkeit beschieden ist.
Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt? Oder sehen Sie noch Änderungsbedarf? Änderungen wird es, glaube ich, sowieso jedes Jahr geben. Ich weiß, dass der Verband unbedingt eine der besten Ligen der Welt schaffen will. Das geht nur, wenn man auch aus seinen Fehlern lernt. Mit der Zeit werden die Einrichtungen besser, es wird bessere Verträge und mehr Gehalt geben, und das Training wird sich auch verbessern. Es wird grundsätzlich alles besser werden, so lange die Leute in die Stadien kommen und sich die Spiele anschauen. Darauf freue ich mich schon. Es ist bekannt, dass die MLS in den USA besonders erfolgreich darin war, Frauenmannschaften zum Durchbruch zu verhelfen. Die Portland Timbers haben die Portland Thorns gekauft. Kaum hatten Sie diese Mannschaft, kamen 15.000 Zuschauer zu einem Frauenfussballspiel. Das sind doch tolle Neuigkeiten. Insofern bin ich gespannt, was in der Zukunft mit der NWSL möglich ist.
In Ihrer Titelsammlung fehlt nur noch eins: die FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™. Vermutlich ist Ihnen die Frauen-WM nächstes Jahr in Kanada daher besonders wichtig? Ich freue mich sehr darauf. Ich bin auch gespannt auf die WM der Männer diesen Sommer in Brasilien. Das wird ein Spaß. Einige Spieler werden das nicht zugeben, aber selbst eine WM zu spielen, ist der reinste Stress. Im Vergleich dazu macht es Spaß, einfach mal nur Zuschauer zu sein. Die Frauen-Weltmeisterschaft 2015 in Kanada wird toll. Erstens findet sie nahe der Heimat statt und zweitens ist Kanada ein großer Rivale. Das wird spannend. Ich bin noch nie Weltmeisterin geworden. Entsprechend entschlossen bin ich, und ich hoffe, wir haben das nötige Quäntchen Glück. Man weiß nie, was passiert. Eine WM bedarf enorm viel Vorbereitung und ganz viele Dinge kann man einfach nicht beeinflussen. Aber ich brenne darauf, es zu versuchen.
Wer ist denn Ihr Titelfavorit für Brasilien? Da muss ich natürlich die USA nennen. Ich denke, wir haben eine schwierige Gruppe erwischt, aber wenn die Ergebnisse stimmen, kommen wir vielleicht weiter. Die WM ist etwas ganz Besonderes. Da kommen so viele verschiedene Menschen aus verschiedenen Ländern zusammen, die doch alle eine Gemeinsamkeit haben. Das verbindet, auch wenn man nicht dieselbe Sprache spricht. Wir alle sprechen letztlich Fussball. Das macht generell jede Weltmeisterschaft zu etwas Besonderem. In Brasilien finden sich Menschen aus aller Welt ein. Es wird toll sein, das zu sehen, die Spiele zu sehen, zu sehen, wie sie ausgehen und wer dann am Ende ganz oben auf dem Treppchen steht. Man weiß nie, was passieren wird. Daran knüpfen auch die Menschen in den USA ihre Hoffnungen.
Im vergangenen Jahr haben Sie Mia Hamms Länderspiel-Torrekord gebrochen. Wie haben Sie diesen Moment erlebt? Das war definitiv ein ganz besonderer Moment, nicht nur für mich, auch für meine Mannschaft. Ich weiß nicht, was Mia dazu sagen würde, aber nach so vielen Toren denkt man automatisch nach und fragt sich, wie es dazu gekommen ist. Wie konnte das geschehen? Aber es kam ja nicht aus heiterem Himmel. Außerdem ist dieser Rekord das Ergebnis von viel Arbeit - nicht nur von mir, sondern von der ganzen Mannschaft, die mir die Tore ja aufgelegt hat. Meine Mitspielerinnen müssen nicht nur auf ihren Positionen gut sein, sie müssen auch den Glauben an sich und an mich mitbringen. Genau das zeichnet diese Mannschaft aus. Es überrascht mich nicht, dass meine Mannschaftskameradinnen mir so viele Tore bescheren - und das ist genau der richtige Ausdruck dafür. Letztlich bin ich die, die das Tor schießt, aber dem geht so viel voraus, was perfekt laufen muss. Ich gehöre ja nun nicht zu den Spielerinnen, die den Gegnerinnen Knoten in die Beine dribbeln, ich bin eine Strafraumstürmerin, die möglichst viele Chancen verwertet. Solche Weltrekorde gehören meinen Mannschaftskameradinnen, denn sie haben sie erst ermöglicht.
Nachdem Sie Mia Hamms Rekord gebrochen hatten, hat Präsident Barack Obama getwittert: "Congratulations @AbbyWambach, the greatest goal scorer in the history of women's soccer—you've made your country proud. #ChasingAbby." Waren Sie da beeindruckt? Und ob ich da beeindruckt war! Ich glaube, seine Töchter spielen auch Fussball. Und Anerkennung vom Präsidenten ist schon der Hammer. Obendrein habe ich ganz viele Anrufe bekommen und eine SMS von Mia, die mir aufrichtig und stolz gratuliert hat. Auf diese Dinge kommt es an. Ich habe unseren Präsidenten nie persönlich getroffen, insofern war das schon extrem cool. Besonders dankbar bin ich aber auch Freunden und Familienmitgliedern, die mich unmittelbar nach dem entscheidenden Tor kontaktiert haben.
Wie wichtig war Mia Hamm für Ihre Laufbahn? Kommt Ihr eine besondere Bedeutung zu? Es lässt sich gar nicht ausreichend erklären, wie wichtig sie im Verlauf meiner Karriere war. Zu Beginn war ich in ihrer Mannschaft. Sie hat mir - direkt oder indirekt - viel beigebracht. Ich bin mir noch nicht mal sicher, ob sie sich dessen bewusst war. Sie hat sich immer ganz in den Dienst der Mannschaft gestellt. Das würde ich auch von mir behaupten. Ich lebe für diese Mannschaft und den Erfolg der Mannschaft. Mia hat mich gelehrt, wie ich mich auf dem Platz zu verhalten hatte, wie ich mich abseits des Platzes zu verhalten hatte, wie ich mich verhalten wollte. Sie war mein großes Idol. Zu ihr habe ich aufgeschaut. Sie war meine Mentorin. Ich habe gesehen, was sie gemacht hat, und mir hat gefallen, was ich gesehen habe. Ich wollte ihr möglichst viel nachmachen und dem meine eigene Note geben. Ich wollte so wie sie an das Spiel herangehen. Mia ist nicht nur eine Freundin und eine fantastische Mannschaftskameradin. Sie ist eine Pionierin des Sports. Ich habe das Glück, sie meine Freundin nennen zu können.
Bleibt Abby Wambach dem Fussball nach ihrer aktiven Karriere erhalten? Es ist nahezu ausgeschlossen, mich vom Fussball fernzuhalten, wenn ich meine Schuhe an den Nagel gehängt habe. Dazu habe ich einfach viel zu viel Zeit in den Fussball investiert. Ich denke, ein Teil meines Vermächtnisses liegt schon jetzt außerhalb des Platzes. Wenn ich mal nicht mehr aktiv spiele, will ich dazu beitragen, dass der Frauenfussball weiter Fortschritte macht. Da gibt es in diversen Ländern auf der Welt noch reichlich Spielraum - sogar in den USA. Ich will mich weiter einbringen. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich eine gute Trainerin abgeben würde. Ich glaube, dafür rede ich zu viel. Ich weiß, dass sich der U.S.-Verband dem Frauenfussball in den USA verschrieben hat. Wenn ich kann, würde ich dabei nach Möglichkeit gern in irgendeiner Form helfen.