Montag 29 Mai 2017, 14:07

Sangmin: Held wider Willen

  • Lee Sangmin rettete seinem Teamkameraden Jaeong Taewook das Leben 

  • Jaeong drohte an seiner Zunge zu ersticken 

  • "Jeder hätte das Gleiche gemacht hätte, oder nicht?"

Sie sind kaum 20 Jahre alt und in ihrer Heimat schon Berühmtheiten. Jedes ihrer Spiele füllte die Stadien. Die Aufzeichnungen der drei Partien der Gruppenphase laufen im Fernsehen in Dauerschleife. Absolut alle erkennen sie auf der Straße: Das Leben der U-20-Auswahlspieler der Republik Korea hat im Verlauf der FIFA U-20-Weltmeisterschaft 2017 auf heimischen Boden eindeutig eine neue Dimension angenommen.

So viel Aufmerksamkeit und Medieninteresse könnte so manchem zu Kopfe steigen. Und wenn man auch noch der Kapitän ist, wäre es menschlich, ein wenig die Bodenhaftung zu verlieren. Doch es gibt kaum einen bescheideneren Zeitgenossen als Lee Sangmin. "Es liegt mir fern, zu denken, dass ich schon ein Star bin", sagt der Innenverteidiger im Interview mit FIFA.com, nachdem er im Hotel der jungen Taeguk Warriors in Cheonan ein paar Autogramme für Besucher geschrieben hat, die überglücklich sind, dasselbe Hotel zu teilen. "Aber wenn ich eines Tages auch außerhalb Koreas ein wenig bekannter bin, würde das in gewisser Weise bedeuten, dass ich in meinem Beruf erfolgreich gewesen bin. So wichtig ist der Fussball auf der Welt."

Bisher haben vor allem zwei junge Koreaner einen Bekanntheitsgrad erreicht, der über die Grenzen ihres Landes hinausreicht: Lee Seungwoo und Paik Seungho. Das Duo wird in der berühmten Kaderschmiede La Masia beim FC Barcelona ausgebildet. Ein schwerwiegender Grund dafür, dass die Scheinwerfer besonders auf sie gerichtet sind. "Wie könnte ich sie beneiden? Mit Lee spiele ich zusammen, seit ich 13 oder 14 bin. Ich bin ihnen im Gegenteil sehr dankbar. Ihretwegen steigt das Interesse an unserer ganzen Mannschaft", folgert er.

Lee Sangmin selbst machte sich spätestens einen Namen, als er bei der FIFA U-17-Weltmeisterschaft Chile 2015 die Kapitänsbinde trug. Ein Turnier, an das er gerne zurückdenkt. "Wir galten als das schwächste Team der Gruppe. Es gelang uns, die ganze Welt zu überraschen und das Achtelfinale zu erreichen", betont er. "Solche Erfahrungen sind sehr lehrreich. Dass wir ruhig und konzentriert bleiben bei dieser WM, verdanken wir auch an unseren Erfahrungen in Chile."

Held wider Willen Der Bekanntheitsgrad des Studenten der Soongsil Universität stieg anlässlich des Vorbereitungsspiels der U-20-Auswahl gegen Sambia im April weiter an.  Der Grund dafür war, dass der Verteidiger seinem Teamkameraden Jaeong Taewook nach einem Zusammenstoß mit Kenneth Kalunga das Leben rettete. Jaeong drohte an seiner Zunge zu ersticken, aber Lee ergriff die geeigneten Maßnahmen, um die Atemwege freizulegen. "Ich war am nächsten dran, also habe ich eingegriffen. Doch daran ist nichts Ruhmreiches", sagt er bescheiden. "Viele denken, das ist eine heldenhafte Tat. Aber ich bin davon überzeugt, dass jeder das Gleiche gemacht hätte, oder nicht? Wichtig ist nur, dass Jaeong bei dieser WM unter uns ist."

Eine WM, bei der Korea Republik bisher brilliert. Die Gastgeber schlossen eine schwere Gruppe mit Argentinien, Guinea und England als Zweiter ab. "Wir haben einen ganz guten Start in das Turnier erwischt. Aber ich glaube, dass wir erst 50 Prozent unseres Potenzials gezeigt haben. Das Beste kommt noch", sagt er. "In persönlicher Hinsicht aber bin ich nicht ganz zufrieden mit meinen Leistungen. Ich will zeigen, wozu ich in der Lage bin. Ich hoffe, dazu morgen gegen Portugal Gelegenheit zu haben", sagt er trotz seiner objektiv guten Leistungen auf dem Platz.

Doch der große Bewunderer von Mats Hummels ist eben wirklich ein bescheidener junger Mann. Es sieht keinen Grund, sich in den Vordergrund zu stellen. Aber ob er will oder nicht: Mit einem Lee Sangmin in den Reihen können die zukünftigen Stars der Republik Korea ohne Zurückhaltung ihre Ansprüche formulieren.