Dienstag 05 Juli 2016, 22:47

Torhüterin Labbé vor dem großen Auftritt voll fokussiert

Feldspieler können sich in einer Partie oftmals eine ganze Reihe von Fehlern leisten, ohne dass dies ernsthafte Konsequenzen hat, so wie es bei einem Torhüter der Fall sein kann. Ein Fehlpass im Mittelfeld hat meist keine schweren Auswirkungen und wird daher schnell wieder vergessen. Ein Fehlpass eines Torhüters hingegen kann durchaus zwischen Sieg und Niederlage entscheiden.

Im modernen Fussball sind die Torhüter sehr viel stärker in den Spielaufbau und den Spielfluss eingebunden und nicht selten leiten sie mit ihrem Zuspiel auf einen Feldspieler einen Angriff ihres Teams ein. Die kanadische Nationaltorhüterin Stephanie Labbé steht mit ihrer Fähigkeit der effektiven und präzisen Ballverteilung an ihre Mitspielerinnen exemplarisch für diese moderne Torhüterrolle. In wenigen Wochen wird sie in Brasilien für Kanada ins Rampenlicht treten.

Die Kanadierinnen treffen in Rio in Gruppe F auf Australien, Simbabwe und Deutschland. Labbé nahm sich im Vorfeld des Turniers Zeit für ein Gespräch mit FIFA.com und erklärte, wie sie bei diesem wichtigen Meilenstein ihrer Karriere die Konzentration hoch hält.

Welchen Stellenwert hat das bevorstehende Olympische Fussballturnier der Frauen in Ihrer Karriere? Das Turnier ist für mich ein unglaublich wichtiger Meilenstein. Ich habe in meiner gesamten Karriere sehr hart gearbeitet. Es geht allerdings nicht nur darum, was als nächstes kommt. Ich habe schon viele Höhen und Tiefen durchlebt und freue mich jetzt sehr über die Gelegenheit, Kanada und der ganzen Welt zu zeigen, was ich kann. Es gab schon ähnliche Momente in meiner Karriere, aber jetzt freue ich mich darauf, diesem Team zum Erfolg zu verhelfen. Ich versuche, nicht allzu oft an den enormen Stellenwert dieses Turniers zu denken, schließlich handelt es sich um Olympische Spiele. Es geht einfach darum, jeden Tag meine Bestleistungen zu zeigen und so viel wie möglich beizutragen. Ich hoffe, dass dies mir und dem Team zum Erfolg verhilft.

Was sind Ihre besonderen Stärken als Torhüterin? Ich denke, die Ballverteilung gehört zu meinen größten Stärken. Ich spiele sehr gern mit dem Ball am Fuß und versuche immer wieder, durch geschickte Ballverteilung Offensivaktionen einzuleiten. Ich habe ein gesundes Selbstvertrauen und weiß, dass ich im richtigen Moment den richtigen Pass spielen kann. Das gehört zum modernen Torhüterspiel einfach dazu. 90 Prozent unserer Aktionen in einem Spiel sind Ballkontakte mit dem Fuß. Es ist sehr wichtig für mich, dass ich das dazu nötige Selbstvertrauen habe und sich auch meine Teamkameradinnen darauf verlassen können. Mein Spielverständnis trägt zudem dazu bei, dass ich das Team führen und gut mit den Spielerinnen kommunizieren kann. Ich kann meinen Vorderleuten Ruhe und Sicherheit vermitteln, denn sie können sich darauf verlassen, dass hinter ihnen noch jemand ist, der ihnen hilft.

Sie meditieren häufig. Wie sehr hilft Ihnen das als Torhüterin?Durch das Meditieren kann ich mich besser auf den Augenblick konzentrieren und präsent sein. Wir alle setzen uns immer wieder Ziele und haben dann meist nur noch diese Ziele und die angestrebten Endresultate vor Augen. Doch wenn man auf dem Weg dorthin nicht den Moment genießt, dann ist es das alles nicht wert. Das Meditieren hilft mir, präsent zu sein. Wenn man sich als Torhüterin auf dem Spielfeld einen Fehler leistet, dann sieht das jeder, merkt sich das jeder, kritisiert das jeder. Wenn auf dem Spielfeld etwas passiert, dann komme ich so wieder zu Atem und kann mich wieder auf den aktuellen Moment konzentrieren. Das ermöglicht mir, meine besten Seiten zu zeigen. Ich denke nicht darüber nach, was gerade geschehen ist oder was vielleicht in den nächsten Minuten passieren könnte. Es geht nur um den konkreten Augenblick und darum, sich ganz auf diesen Moment zu konzentrieren. Das ermöglicht es mir, erfolgreicher zu spielen. Das ist der größte Einfluss, den das Meditieren auf mein Leben hat. Es wirkt sich auch auf meinen Alltag aus, doch insbesondere auf dem Spielfeld hilft mir das Meditieren, präsenter und fokussierter zu sein.

Haben Sie selbst diese persönliche und professionelle Veränderung gegenüber früheren Tagen an sich festgestellt? Mir wird es am stärksten dadurch bewusst, dass ich meine Gedanken besser kontrollieren kann. Wenn meine Gedanken abschweifen, kann ich sie sehr schnell wieder auf die Gegenwart lenken. Ich will damit nicht sagen, dass ich nie über Fehler oder andere negative Dinge nachdenke. Aber ich habe jetzt die Fähigkeit, mich schnell wieder auf die aktuelle Situation zu konzentrieren. Das kann ich sehr viel besser steuern.

Sie haben in Ihrer Zeit an der Universität von Connecticut ab und zu Elfmeter geschossen und auch verwandelt. Werden wir Sie in Brasilien am Elfmeterpunkt sehen, wenn Kanada in diese Situation kommt? Lassen Sie sich von Trainer John Herdman als eine der ersten fünf Elfmeterschützinnen eintragen? (lacht) Hey, man kann nie wissen! Ich habe als Mensch und Torhüterin ein gesundes Selbstvertrauen, auch schon im College. Ich hatte kein Problem damit, zum Punkt zu gehen und einen Elfmeter zu schießen, wenn mein Team das brauchte. Ich setze gern meine Füße ein und ich weiß, was ich am Ball kann. Wenn es also darauf ankommt, bin ich zu 100 Prozent bereit, die Hand zu heben und einen Elfmeter zu übernehmen. Aber ich weiß, dass viele andere Spielerinnen ganz genau so empfinden und deshalb ist es vielleicht besser, das in erster Linie den Torjägerinnen zu überlassen!

Das sagt auch etwas über Ihre Führungsqualitäten aus. Was für eine Führungspersönlichkeit sind Sie? Ich versuche, ein Vorbild zu sein. Ich halte mir zugute, dass ich jeden Tag sehr hart trainiere, härter als alle anderen. In diesem Sinne bin ich ein gutes Vorbild, denke ich. Als Torhüterin mache ich mich auf dem Spielfeld auch lautstark bemerkbar, das gefällt mir. Ich kann ja alles beobachten, weil sich alles vor meinen Augen abspielt. Daher übernehme ich diese Aufgabe, weil ich weiß, dass ich alles sehe. Ich kann den Spielerinnen vor mir helfen, wenn sie mal etwas nicht sehen. Ich strenge mich an, damit ich auf dem Feld solche Anweisungen übernehmen kann.

Was braucht Kanada, um in Rio Gold zu gewinnen? Eins nach dem anderen… Zunächst einmal wollen wir in unseren Spielen alles unter Kontrolle haben. Wir wollen erfolgreich sein und das Heft fest in der Hand haben. Dafür benötigen wir alle Spielerinnen. Es ist ein langes Turnier mit vielen Spielen in recht kurzer Zeit. Also brauchen wir die volle Breite unseres Kaders. Jede einzelne Spielerin muss ihr Bestes beitragen. Wir haben eine großartige Truppe mit einer sehr gesunden Mischung aus Jugend und Erfahrung. Jede kann etwas anderes beitragen und jede wird zu einem bestimmten Zeitpunkt benötigt. Wer auch immer ins Spiel kommt, muss seine Aufgabe erfüllen. Wir verfügen über genügend Talent und über ein gutes taktisches Verständnis. Wir haben alles, was wir brauchen. Also geht es jetzt darum, mit dem Wissen auf den Platz zu gehen, dass wir es schaffen können, dass wir unser gewohntes Spiel aufziehen können und die Goldmedaille nach Hause bringen können. Daran müssen wir glauben.

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