Führende Schiedsrichterinnen sprechen über positive Veränderungen und Herausforderungen
Die FIFA hat viele Initiativen zur Förderung von Schiedsrichterinnen ins Leben gerufen
Kulturelle Vorurteile stehen Schiedsrichterinnen nach wie vor im Weg
Der Internationale Frauentag ist eine hervorragende Gelegenheit, um die Frauen zu würdigen, die den Fussball auf allen Ebenen prägen. Auch im Schiedsrichterwesen setzen weibliche Unparteiische zunehmend neue Massstäbe und zeigen auf dem Spielfeld, dass Autorität nicht vom Geschlecht abhängt, sondern von Kompetenz und Leistungsfähigkeit.
Der Weg an die Spitze des Schiedsrichterwesens war für Frauen in der Vergangenheit jedoch oft mit besonderen Herausforderungen verbunden. Über die hohen körperlichen und technischen Anforderungen hinaus, die an alle Schiedsrichter gestellt werden, müssen sich weibliche Unparteiische häufig in Umgebungen zurechtfinden, die ursprünglich nicht für sie konzipiert wurden.
Für Bibiana Steinhaus-Webb, die erste Schiedsrichterin in der deutschen Bundesliga und eine echte Vorreiterin in diesem Beruf, gibt es jede Menge Herausforderungen für alle, die als Referees durchstarten wollen.
„Seien wir ehrlich: Für Frauen ist es definitiv nicht einfacher, Profi-Schiedsrichterin zu werden. Der Frauenfussball erlebt in allen Bereichen einen enormen Aufschwung“, meinte sie.
„Aber berücksichtigen wir wirklich alles, was dafür erforderlich ist? Nehmen wir zum Beispiel die Laufbahn einer Schiedsrichterin. Gibt es genug Einrichtungen für Frauen? Das fängt beispielsweise bei den Umkleideräumen an. Ausserdem war ich schon lange dabei, als endlich Trikots für Schiedsrichterinnen in Frauengrössen herauskamen. Wie helfen wir den Unparteiischen nach der Mutterschaft bei ihrer Rückkehr auf den Platz und wie unterstützen wir sie bei den Herausforderungen im Zusammenhang mit der Kinderbetreuung?“
Nach Ansicht von Steinhaus-Webb habe die Arbeit, die die FIFA in den letzten Jahren zur Förderung von Schiedsrichterinnen geleistet hat, einen wesentlichen Einfluss gehabt.
„Ich glaube fest an das Motto von Billie Jean King: ‚Wenn du es dir vorstellen kannst, kannst du es auch werden‘. Dass sich Frauen repräsentiert fühlen und Vorbilder haben, ist wichtig, um mehr von ihnen für Berufe wie den der Schiedsrichterin zu begeistern“, sagt sie. „Ein Vorbild zu sein, bereitet mir viel Freude, bringt aber auch eine grosse Verantwortung mit sich, die ich nicht auf die leichte Schulter nehme.
Der Weltverband hat viele Initiativen ins Leben gerufen, um Schiedsrichterinnen zu fördern, zum Beispiel durch Investitionen in Schulungen, Mentoring und mehr Chancen bei internationalen Top-Turnieren, um die Gleichstellung der Geschlechter im Schiedsrichterwesen zu erreichen. Das sichtbarste Ergebnis ist wahrscheinlich die gelungene Teilnahme von Schiedsrichterinnen an den Weltmeisterschaften der Männer. Dieser Erfolg ermutigt die Konföderationen und Mitgliedsverbände, leistungsstarken Schiedsrichterinnen ähnliche Chancen zu geben.“
Trotzdem gibt es immer noch kulturelle Vorurteile. Daiane Muniz, eine brasilianische Schiedsrichterin und VAR-Expertin, die kürzlich bei einem Männerturnier in São Paulo gepfiffen hat, wurde von einem Spieler beleidigt, kehrte aber nur eine Woche später zurück, um ein hochkarätiges Derby zu leiten.
„Fussball ist seit jeher eine von Männern dominierte Welt. Darum mussten Frauen natürlich zusätzliche Hürden überwinden, um in die höchsten Ligen zu kommen und sich dort zu etablieren“, so Muniz.
„Die Herausforderung besteht darin, als Frau dort Glaubwürdigkeit zu erlangen, wo die Leute vielleicht nicht gleich damit rechnen. Wie zum Beispiel bei Top-Spielen. Mit der Zeit zeigt sich jedoch, dass eine gute Vorbereitung, Beständigkeit und Leistung mehr zählen als irgendwelche Stereotypen.“
Stéphanie Frappart war 2020 die erste Frau, die eine Partie der UEFA Champions League der Männer leitete, und dann die erste, die bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Katar 2022™ als Teil eines rein weiblichen Schiedsrichterteams als Unparteiische agierte. Laut der Französin herrsche bei Schiedsrichterinnen ein zusätzlicher Druck, zu zeigen, dass sie für Top-Einsätze geeignet sind.
„Im professionellen Schiedsrichterwesen muss jeder hart arbeiten, egal welches Geschlecht er hat. Für alle gelten die gleichen hohen Standards und Erwartungen“, sagte sie. „Als Frau muss man aber manchmal schneller und konsequenter seine Legitimität beweisen, vor allem in Bereichen, die traditionell von Männern dominiert werden.
Allerdings können diese Herausforderungen auch Kraft geben. Sie bringen einen dazu, besser vorbereitet, fokussierter und entschlossener zu sein. Letztendlich sind Leistung, Beständigkeit und Engagement das, was auf dem Platz wirklich zählt.“
Die Japanerin Yoshimi Yamashita, die auch bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Katar 2022™ als Schiedsrichterin zum Einsatz kam, sagt, dass sie sich von der Präsenz anderer Frauen im Männerfussball inspirieren liess.
„Ich spiele bereits seit meiner Kindheit selbst Fussball. Deshalb dachte ich, dass ich als Schiedsrichterin einen Beitrag zur Entwicklung des Frauenfussballs leisten könnte, wenn auch nur in geringem Umfang“, sagte sie. „Ich war immer total begeistert davon, dass es Frauen gibt, die im Männerfussball als Schiedsrichterinnen arbeiten oder gearbeitet haben.“
Muniz zufolge habe die zunehmende Popularität der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™, die 2027 in ihrem Heimatland Brasilien stattfinden wird, ihr das nötige Selbstvertrauen gegeben, um es bis ganz nach oben zu schaffen.
„Die Erkenntnis, dass auch Frauen ihr eigenes grosses Fussballturnier haben (wenn auch damals noch in bescheidenerem Rahmen), veränderte etwas in mir. Als ich dann sah, dass auch Schiedsrichterinnen auf dieser Ebene eingesetzt wurden, wurde mir klar, dass es auch für uns Platz auf der höchsten Bühne dieses Sports gibt“, sagte sie.
Die FIFA hat zahlreiche Initiativen ins Leben gerufen, um sicherzustellen, dass die besten Schiedsrichter, unabhängig von ihrem Geschlecht, die Spitze dieses Sports erreichen können. Dies umfasst unter anderem Investitionen in Ausbildung, Mentoring und mehr Einsatzmöglichkeiten bei internationalen Top-Turnieren.
Einer der Schwerpunkte liegt auf der Talentsicherung. „Wir wollen die besten Unparteiischen, und wir haben erkannt, dass wir mit dem Ausscheiden von Schiedsrichterinnen nach der Geburt eines Kindes viel an Erfahrung verlieren würden“, so Steinhaus-Webb. „Deshalb bieten wir unseren Schiedsrichterinnen, die Mütter sind, spezielle Unterstützung an, damit sie Familie und Beruf als Unparteiische auf höchstem Niveau vereinbaren können, darunter Hilfe bei den Reise- und Trainingsvorbereitungen.“
Wir bieten unseren Schiedsrichterinnen, die Mütter sind, spezielle Unterstützung an, damit sie Familie und Beruf als Unparteiische auf höchstem Niveau vereinbaren können, darunter Hilfe bei den Reise- und Trainingsvorbereitungen.
Zudem finanziert das FIFA-Forward-Programm nationale Verbände, um zwölfmonatige Projekte zur Schiedsrichterentwicklung umzusetzen. Der Weltverband arbeitet auch eng mit Konföderationen wie dem asiatischen Fussballverband (AFC) und dem afrikanischen Fussballverband (CAF) zusammen, um Elite-Akademien und Trainingskurse zu organisieren, um die Zahl qualifizierter Schiedsrichterinnen weltweit zu erhöhen.
Während die Fussballwelt bereits gespannt auf die FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Brasilien 2027™ wartet, laufen die Vorbereitungen schon auf Hochtouren. In Rio de Janeiro nehmen Top-Schiedsrichterinnen am Ende dieses Monats an Seminaren teil, die sich auf Spielfitness und technische Weiterentwicklung konzentrieren.
Ihre Leistungen auf der internationalen Bühne sollten die nächste Generation von Unparteiischen inspirieren, und Muniz hat eine klare Botschaft für alle jungen Frauen, die gerade erst anfangen.
„Glaubt daran, dass ihr auf dem Platz richtig seid. Investiert viel in die körperliche, technische und vor allem mentale Vorbereitung. Der Spitzenfussball erfordert Stärke in jeder Hinsicht. Es wird Momente des Zweifels geben, aber genau dort liegen die Wachstumschancen. Bleibt also konsequent und professionell. Lasst niemals zu, dass man euren Träumen Grenzen setzt.“