Sonntag 09 Oktober 2016, 12:48

Proulx will lernen und nicht nur vergessen

Es gibt gute und schlechte Zeiten im Leben, und nicht selten ändern sich die Dinge innerhalb weniger Augenblicke. Lysianne Proulx, 17 Jahre jung, hat noch viele weitere vor sich, um dies zu verinnerlichen. Die Torhüterin Kanadas hat bei der FIFA U-17-Frauen-Weltmeisterschaft Jordanien 2016 ihre erste emotionale Achterbahnfahrt erlebt.

Nach ihrer Leistung in der zweiten Partie Kanadas gegen Deutschland wurde sie als "Live Your Goals"-Spielerin des Spiels ausgezeichnet. Stolz hielt die Akteurin ihren Preis in Händen und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, als sie in der Pressekonferenz Rede und Antwort stand. "Es gibt Tage wie diese, an denen alles gelingt, und man muss seine Gelegenheiten nutzen", sagte sie zu FIFA.com, nachdem sie praktisch im Alleingang einen deutschen Sieg verhindert hatte (1:1).

Vier Tage später jedoch geht sie schweren Herzens und mit Tränen in den Augen vom Platz des King Abdullah II International Stadium in Amman, um sich tapfer unseren Fragen zu stellen. Die Canucks haben gerade gegen Venezuela verloren, obwohl diese am Ende in Unterzahl spielten, und sind vorzeitig aus dem Turnier ausgeschieden. Proulx zeigte erneut eine solide Leistung, aber den spektakulären Führungstreffer von Deyna Castellanos - ein Schlenzer aus der Drehung in den Winkel - konnte auch sie nicht verhindern. "Es ist hart, weil ich glaube, dass wir ein gutes Spiel gemacht haben. Aber bei dem Tor konnte ich nichts machen", räumt die Torhüterin ein. Sie wehrte zwar einen weiteren Versuch von Castellanos ab, musste aber später in der Partie dennoch ein zweites Mal hinter sich greifen. "Es ist frustrierend, weil ich alles getan habe, was ich konnte, um meine Teamkameradinnen zu unterstützen. Aber mehr kann ich auf meiner Position nicht tun."

Die Keeperin kann noch so viel grübeln: Sie findet keine Erklärung dafür, dass ihre Mannschaft diese Chance verpasst hat, sich für die zweite Runde zu qualifizieren. "Ich weiß wirklich nicht, was gefehlt hat. Wir waren mit Leidenschaft dabei und haben bis zum Schluss unser Bestes gegeben", versichert sie. "Aber wir waren einfach nicht in der Lage, den Ball im Tor unterzubringen. Ich habe keine Ahnung, was wir noch hätten tun können." Die Enttäuschung ist deshalb so groß, weil die Kanadierinnen mit hochfliegenden Träumen nach Jordanien gereist waren. "Ich hatte mir vorgestellt, ins Halbfinale zu kommen und zu versuchen, Geschichte zu schreiben", verrät die Akteurin, die bereits vor zwei Jahren in Costa Rica zum U-17-Kader Kanadas gehörte, aber noch nicht zum Einsatz kam.

Nun ist dieses Kapitel vorzeitig beendet, und die Torhüterin von CS Roussillon zählt auf die Unterstützung ihrer Familie und die Rückkehr in den Alltag in Schule und Fussball, die ihr dabei helfen werden, die Enttäuschung bald zu verdauen. Andererseits kommt es für sie nicht in Frage, das ganze Turnier in Jordanien einfach nur abzuhaken und das Geschehene zu vergessen. "Ich werde meine Leistung gegen Deutschland in Erinnerung behalten. Es war eines meiner besten Spiele. Ich versuche, so viel wie möglich aus diesem Spiel zu lernen, aber auch aus der Begegnung gegen Venezuela, denn aus Niederlagen lernt man viel", sagt sie und wischt sich die letzten Tränen weg. "Ich schaue mir alle meine Spiele an und versuche, aus jedem zu lernen, indem ich analysiere, was ich gut oder schlecht gemacht habe. Aus diesem hier werde ich wohl auf mentaler Ebene meine Lehren ziehen. Ich muss lernen, meine Emotionen im Griff zu behalten, denn gegen Ende fand ich das sehr schwer. Ich werde vor allem in emotionaler Hinsicht versuchen, Fortschritte zu machen", schließt sie und ringt sich ein Lächeln ab, das die Absicht verrät, ihren Worten Taten folgen zu lassen.