John Griffiths dürfte nicht der einzige Trainer sein, der die Ausbildung bei der FIFA U-17-Frauen-Weltmeisterschaft in den Vordergrund rückt. Die meisten seiner Kollegen schätzen das Weltturnier, das 2016 in Jordanien stattfindet, vor allem aufgrund der Erfahrung, die ihre Spielerinnen in diesem hochklassigen internationalen Wettbewerb sammeln können, wobei die Priorität auf der Entwicklung von Stars für die A-Nationalmannschaften liegt.
Dem Trainer der englischen Auswahl ist im Zusammenhang mit dem Fokus auf die Ausbildung aber auch ein anderer Aspekt wichtig, während die Turniervorbereitungen in die heiße Phase gehen. "Es gibt ungemein viele Dinge zu berücksichtigen, wenn man mit so vielen jungen Spielerinnen so lange unterwegs ist", erklärt er im Gespräch mit FIFA.com. "Die Schulbildung allein nimmt in unserer Planung viel Raum ein, denn diese Mädchen werden vier oder fünf Wochen mit uns unterwegs sein und jeden Tag acht Schulstunden verpassen. Aus diesem Grund wird uns ein Bildungsbeauftragter nach Jordanien begleiten. So haben wir das auch schon in Belarus gehandhabt."
"Wir waren bei diesem Turnier das einzige Team, das einen Bildungsbeauftragten dabei hatte. Das war allerdings sehr wichtig, weil die Mädchen Prüfungen ablegen mussten, während wir dort waren. Das hat den Stress noch einmal verstärkt, wie Sie sich vorstellen können, wobei es mich wirklich beeindruckt hat, wie fleißig sie waren. Sie haben unermüdlich gearbeitet."
Welchen Erfolg diese Bemühungen hatten, wird sich heute herausstellen, wenn die englischen WM-Hoffnungen die Ergebnisse der Prüfungen erfahren, die sie in Osteuropa abgelegt haben. Als Unbeteiligter würde man vermuten, dass der Kampf um einen europäischen Titel und einen Startplatz bei der WM selbst die gewissenhafteste Schülerin ablenkt. Niamh Charles, Schützin der zwei Tore gegen Norwegen, mit denen England sich die WM-Qualifikation sicherte, widerspricht dem jedoch. Für sie sei das Umschalten ganz natürlich gewesen.
"Obwohl der Fussball unsere Leidenschaft ist, ist uns allen bewusst, wie wichtig unsere Schulbildung ist", meint sie. "Es gab nie Beschwerden darüber, dass wir unsere Schulaufgaben erledigen mussten, und in Jordanien wird es genauso sein."
Laut Charles waren die Erfolge der A-Nationalmannschaft bei der letztjährigen FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™ in Kanada eine echte Inspiration für die englischen Nachwuchsspielerinnen. Die U-17-Auswahl will diesem Team nun auf vielfältige Weise nacheifern. Während beim Männerteam im Sommer das Fehlen einer klaren Identität zu bemängeln war, scheint das Pendant im Frauenbereich bereits seine unverkennbare "Marke" geschaffen zu haben.
Griffiths dazu: "Die Trainer der unterschiedlichen Altersklassen im Jugendbereich treffen sich regelmäßig mit Mark . Dabei ist es für alle Beteiligten ein zentrales Ziel, in allen England-Teams dieselbe Spielweise umzusetzen. Unabhängig von der Altersklasse spielen wir auf bestimmte Weise und gewinnen auf bestimmte Weise."
"Die Entwicklung und von uns erhoffte Perfektionierung dieser Identität wird etwas Zeit in Anspruch nehmen, und man muss dabei immer die kulturellen und gesellschaftlichen Elemente berücksichtigen, die bereits in der DNA der Spielerinnen verankert sind. Fest steht allerdings, dass wir Teams formen wollen, die auf Ballbeherrschung ausgerichtet sind und eine Siegermentalität besitzen."
Nur wenige Spielerinnen haben diese Mentalität bei der UEFA U-17-EM der Frauen eindrucksvoller demonstriert als Charles. Sie war nicht nur die beste Vorlagengeberin des Turniers, sondern bewies auch, dass sie eine Spielerin für die ganz großen Gelegenheiten ist, als sie im Spiel um Platz drei gegen Norwegen mit ihrem Doppelpack den Sieg perfekt machte.
"Niamh ist eine von unseren Spätentwicklerinnen", so Griffiths. "Sie gehörte im U-15-Bereich noch nicht zur englischen Auswahl, hat spielerisch dann aber so schnell Fortschritte gemacht, dass wir nicht umhin kamen, sie in unseren Planungen zu berücksichtigen. Sie ist mittlerweile zu einem wichtigen Bestandteil des Teams geworden – auf dem Spielfeld und abseits davon. Und jetzt kommt sie auch bei Liverpool in der WSL immer besser zum Zuge. Das hat sie sich alles selbst erarbeitet. Sie ist eine talentierte und athletische Spielerin, die beidfüßig ist und auf allen Angriffspositionen eingesetzt werden kann. Das macht sie ziemlich einzigartig und für Verteidigerinnen unberechenbar."
Und wie schätzt Charles sich selbst ein, nachdem sie all dieses Lob seitens des Trainers gehört hat? "Ich sehe mich nur als mannschaftsdienliche Spielerin und tue was immer ich kann, damit wir unsere Spiele gewinnen", meint sie. "Wenn ich Tore erzielen kann, dann ist das wunderbar. Wenn ich für jemand anders auflegen kann, bin ich damit genauso glücklich. Wir sind ohnehin eine offensiv ausgerichtete Mannschaft, in der viele Spielerinnen Tore erzielen können. Davon wird sich in Jordanien hoffentlich jeder überzeugen können."