Montag 26 Dezember 2016, 15:18

Lloyds Alltag bei Houston Dash

Wer das Geschehen im Frauenfussball verfolgt, weiß, welchen Einfluss Carli Lloyd in den letzten Jahren in dieser Sportart hatte. Lloyd, eine der Spielführerinnen der USA, erregte 2015 weltweit Aufmerksamkeit, als sie die Stars and Stripes bei der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™ in Kanada zum dritten Titelgewinn führte und anschließend verdientermaßen zur FIFA-Weltfussballerin des Jahres gewählt wurde.

Die 34-Jährige spielt noch immer eine wichtige Rolle im Nationalteam ihres Landes, das den WM-Titel 2019 in Frankreich verteidigen will. 2016 war allerdings ein eher enttäuschendes Jahr für die U.S.-Girls, die beim Olympischen Fussballturnier der Frauen in Rio den Sprung aufs Treppchen verpassten. Dennoch brachten Lloyds Leistungen ihr einen Platz unter den Finalistinnen für die Auszeichnung The Best – FIFA-Weltfussballerin 2016 ein, die am 9. Januar in Zürich vergeben wird.

Während Lloyds Fussballjahr vor allem im Zeichen ihrer internationalen Verpflichtungen mit den USA stand, kam sie auch zu einer Handvoll Einsätzen für ihren Klub Houston Dash, der in der National Women’s Soccer League (NWSL) antritt. In ihrer zweiten Saison bei dem Team aus Texas erzielte sie in sieben Spielen fünf Tore.

Obwohl die Mittelfeldspielerin in den letzten beiden Jahren nur begrenzte Zeit für Houston verfügbar war, zeigt Randy Waldrum sich beeindruckt von der Professionalität und Einsatzbereitschaft der Spielerin.

"Einige haben vielleicht eine falsche Vorstellung von ihr, aber meine Erfahrung mit ihr hier in Houston hat gezeigt, dass sie vor allem eine ausgesprochen professionelle Spielerin ist", so Waldrum in einem Exklusiv-Interview mit FIFA.com. "Sie achtet sehr auf ihre körperliche Fitness und tut auch abseits des Platzes alles, um in Hochform zu bleiben."

"Auf dem Platz, im Training, ist sie ebenfalls ein hervorragender Profi. Jeden Tag ist sie bestrebt, dem hohen Niveau gerecht zu werden, und ihre Arbeitsleistung im Training ist wirklich erstaunlich. Aufgrund ihrer Arbeitsmoral ist sie ein hervorragendes Vorbild für unsere jungen Spielerinnen."

Das alltägliche Umfeld Während die Spielerinnen und Trainer auf Nationalmannschaftsebene lediglich für kurze Zeitspannen zusammenkommen, ist der Vereinsfussball vom regelmäßigen Trainings- und Spielbetrieb geprägt. Durch dieses Umfeld hatten Waldrum und das Team von Houston Dash die einzigartige Gelegenheit, während der Saison den Fussballalltag mit Lloyd zu teilen.

"Was mir an der Arbeit mir ihr besonders gefällt, ist, dass sie über genügend Erfahrung verfügt und lange genug bei unterschiedlichen Profiteams aktiv ist, um eigene Ideen einzubringen", so Waldrum. "Sie identifiziert sich mit der von uns vorgegebenen Spielweise, aber sie ist auch immer bereit sich einzubringen und zu sagen: 'Hey, was haltet ihr davon?'. Das ist toll."

"Die meisten Spielerinnen in meinem Team sind noch jung. Ich habe nicht viele ältere, erfahrene Spielerinnen im Kader. Wenn sie beim Training dabei ist, macht sie das wirklich gut . Ein weiterer Aspekt ist, dass sie im Anschluss immer noch bleibt und Zusatzeinheiten absolviert. Für die jungen Spielerinnen ist es gut, das zu sehen. Eine Spielerin von Format, die bereit ist, länger zu bleiben und an ihrer Fitness oder mit dem Ball zu arbeiten, was auch immer erforderlich ist. Sie ist fast immer bereit, zusätzliche Zeit zu investieren. Es ist wirklich schön, im Alltag mit solchen Spielerinnen zu arbeiten."

Vorbildfunktion Lloyds Aufgabe bei Houston besteht darin, für eine effektive Angriffsformation zu sorgen, die sie bei ihren bisherigen Einsätzen für den Klub angeführt hat. Mit diesen Qualitäten ist sie in Waldrums jungem Team zu einer Führungsspielerin avanciert.

"Wenn sie die Kapitänsbinde in der Nationalmannschaft trägt und selbst bei uns im Klub ist sie manchmal nicht besonders lautstark", so Waldrum. "Sie gehört nicht zu den Leuten, die ihre Teamkameradinnen stimmgewaltig motivieren, aber sie ist dennoch eine Führungsspielerin, weil sie mit gutem Beispiel vorangeht."

"Wenn man sich die Ergebnisse anschaut, die unser Team mit ihr und ohne sie einfährt, dann sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache. Wenn sie nicht dabei ist, haben wir in der Offensive manchmal unsere Schwierigkeiten und es fällt uns schwerer, gute Ergebnisse zu erzielen. Wenn sie dabei ist, sorgt sie allein mit ihrer Ausstrahlung dafür, dass die Spielerinnen selbstbewusster auftreten. Dazu muss sie keine großen Worte machen. Wir sind eine ganz andere Mannschaft, wenn wir auf sie zählen können, und der Spielfluss in der Offensive ist so viel besser als ohne sie."

Angesichts von Lloyds Fähigkeit, Spiele zu entscheiden, freut sich Waldrum schon auf die Saison 2017, in der die Mittelfeldspielerin dem Klub vermutlich die meiste Zeit zur Verfügung stehen wird. Houston Dash belegte letzte Saison den achten Platz in der zehn Teams umfassenden NWSL und möchte in der kommenden Spielzeit unbedingt besser abschneiden.

"Um ehrlich zu sein, bin ich schon sehr gespannt auf nächstes Jahr, denn sie wird uns zum ersten Mal praktisch die ganze Saison zur Verfügung stehen", meint er. "In den letzten beiden Jahren war sie nur sporadisch verfügbar, sodass es schwierig war, Kontinuität ins Team zu bringen, obwohl wir die Zeit, die wir mit ihr hatten, sehr schätzen. Ich glaube, in den nächsten anderthalb Jahren können wir nach den Sternen greifen. Daher kann ich es kaum erwarten, sie Vollzeit zur Verfügung zu haben."