FIFA
Freitag 06 Mai 2016, 08:33

Leicesters unglaubliche Saison in den Augen zweier Publikumslieblinge

Leicester City, das zu Saisonbeginn mit einer Quote von 5000/1 als Außenseiter gehandelt wurde, bekommt am Samstag den Meisterpokal der englischen Premier League überreicht. Zwei ehemaligen Publikumslieblingen des Klubs fällt es noch schwer, sich auszumalen, wie das Team diesen historischen Moment im King Power Stadium mit zahlreichen Ehrenrunden vor den Fans feiern wird: nämlich Ian Marshall und Conrad Logan.

Beide haben eine ganz besondere Beziehung zu den Füchsen. Stürmer Marshall gehörte zu dem Team von Trainer Martin O'Neill, das 2000 den Ligapokal gewann – der größte Erfolg des Teams vor dem märchenhaften Titelgewinn 2016. Torhüter Logan seinerseits erlebte den Absturz Leicesters aus der Premier League bis in die dritte Liga ebenso mit, wie den anschließenden Weg zurück in die höchste englische Spielklasse. Er spielte bis 2015 für den Klub und ist der Akteur mit den meisten Einsätzen für die Füchse.

Beide stehen also für ganz verschiedene Phasen der Klubgeschichte, und beide hätten sich wohl niemals träumen lassen, dass Leicester jemals den Titelgewinn in der Premier League feiern würde. Als einen der entscheidenden Faktoren für das Fussballmärchen sehen sie übereinstimmend den herausragenden Teamgeist der Schützlinge von Trainer Claudio Ranieri.

"Als Spielerkollektiv waren sie einfach fantastisch. Jeder hat für jeden gekämpft, jeder hat sich für jeden aufgeopfert", analysiert Marshall im Exklusivgespräch mit FIFA.com. "Für mich war der mannschaftliche Zusammenhalt ein absolut entscheidender Faktor."

"Viele der Jungs spielen jetzt schon einige Jahre hier zusammen. Sie sind noch jung genug und kommen alle prima miteinander aus", meint auch Logan, der 2001 in die Nachwuchsakademie von Leicester eintrat. "Im vergangenen Jahr haben sie eine enorme charakterliche Stärke gezeigt, als sie den Klassenerhalt noch schafften. Wegen der unglaublichen Leistung in dieser Saison wird jetzt überall dieser enorme Teamgeist gelobt, aber dieser Aspekt hat mich nicht wirklich überrascht, denn es handelt sich eben um eine fest zusammengeschweißte Truppe."

Träume werden wahr Claudio Ranieris Team begann die Saison als Abstiegskandidat und beendete sie als Meister. Marshall und Logan verfolgten staunend, wie ihr Ex-Klub das scheinbar Unmögliche schaffte und erstmals den Titel in der englischen Eliteliga holte. Die Füchse eroberten zwar schon Mitte Januar die zwischenzeitlich eingebüßte Tabellenführung zurück und hielten sich dann an der Spitze, doch erst als das Team sechs Spieltage vor Schluss einen Vorsprung von sieben Punkten erreicht hatte, begann Marshall daran zu glauben, dass ein Fussballwunder möglich war.

"Es waren zwar noch ziemlich viele Punkte zu vergeben, aber ich dachte bei mir: 'Das Team hat in der ganzen bisherigen Saison erst drei Spiele verloren. Da werden sie sicher nicht vier der letzten sechs Spiele verlieren' ", erläutert er seine Gedanken. "Bei nur drei Punkten Vorsprung hätte es noch einmal richtig knifflig werden können, aber weil sie so weit vorn lagen, dachte ich mir, sie müssen das jetzt nur halten und einfach versuchen, in jedem Spiel die drei Punkte einzusammeln. Sie brauchen sich keine Sorgen wegen der Verfolger zu machen, weil sie schon so weit in Führung lagen."

Perfekte Teamleistung Einer der Schlüsselspieler während der gesamten Saison war Stürmer Jamie Vardy. Der 29-Jährige erzielte in elf Spielen in Folge mindestens je einen Treffer und brach damit den bisherigen Rekord von Ruud van Nistelrooy. Damit bescherte er seinem Team eine ganze Reihe wichtiger Siege.

"Ich halte ihn für ein Phänomen", sagt Marshall, der selbst während seiner aktiven Zeit zahlreiche denkwürdige Tore erzielte. Er traf beispielsweise 1997 bei einem der seltenen Auftritte Leicesters auf der europäischen Bühne gegen Atletico Madrid. "Ich mag ganz besonders, mit wie viel Einsatz er spielt. Er lässt nicht locker und setzt die Gegner unter Druck, so wie ein Fussballer der alten Schule. Das sieht man heutzutage nicht mehr allzu oft. Seine Leistungen waren einfach phänomenal. Ich wünsche ihm weiterhin viel Glück. Ich hoffe, er hat noch vier, fünf erfolgreiche Jahre in der Premier League vor sich."

Logan teilte früher die Umkleidekabine mit einigen Mitgliedern des jetzigen Meisterteams. Dabei stand er einem Spieler ganz besonders nahe, nämlich seinem Torhüterkollegen Kasper Schmeichel.

"Ausnahmslos alle Spieler waren in dieser Saison fantastisch. Kasper ist ganz besonders zuverlässig und konstant, und das nicht nur in diesem Jahr, sondern schon seit er vor vier Jahren zu Leicester City kam", so Logan. "In der Championship (der zweiten Liga) musste er noch mehr Rettungstaten zeigen. Dort geht es manchmal noch handfester zur Sache. Jedenfalls hat er seinen Job auch schon früher hervorragend erledigt. Er gehört für mich zu den besten Torhütern der Premier League und hat sich diesen Titel unbedingt verdient. Er braucht sich mit seinem Können hinter niemandem zu verstecken."

Für die FansLogan genießt bei den Fans der Füchse weiterhin hohes Ansehen, auch nach seinem Wechsel zu Hibernian in Schottland. Er kam schon als 15-Jähriger zu Leicester und blieb dem Klub nicht weniger als 14 Jahre treu. In dieser Zeit erlebte er zahlreiche Veränderungen und ging mit dem Klub durch Höhen und Tiefen. Unter insgesamt elf Trainern erlebte er mehrere Abstiege und Aufstiege und war immer an vorderster Front dabei. Genau wie Logan halten auch die Fans ihrem Klub unverbrüchlich die Treue, auch in schweren Zeiten. Der Ire freut sich besonders für die Anhänger, die am Wochenende die Übergabe des Meisterpokals im King Power Stadium bejubeln werden.

"Ich bin als Teenager von Irland herüber gekommen und habe so ziemlich mein halbes Leben bei Leicester City verbracht. Dieser Klub steht mir natürlich besonders nahe", so Logan, der vor seinem Wechsel ins nördliche Nachbarland im April auch als Stadionsprecher im King Power Stadium im Einsatz war.

"Die Fans haben auch harte Zeiten durchlebt, es war ja keineswegs immer alles so märchenhaft wie in dieser Saison. Die Zeit der Zwangsverwaltung und den Abstieg bis in die dritte Liga, all das haben die Fans erlebt und durchgestanden, während ich dort war. Umso mehr freut es mich, dass sie nun alle diesen unglaublichen Erfolg genießen können."