Im Alter von 36 Jahren hängt Steven Gerrard seine Fussballschuhe endgültig an den Nagel. "Nach den jüngsten Medienspekulationen rund um meine Zukunft kann ich meinen Rücktritt vom Profifussball bestätigen", teilte der 38-malige englische Kapitän mit: "Ich hatte eine unglaubliche Karriere und bin für jeden Moment meiner Zeit in Liverpool, England und LA dankbar."
Nach 17 Spielzeiten und 186 Tore in 710 Spielen an der Anfield Road war Gerrard im Sommer 2015 zum MLS-Klub Los Angeles Galaxy gewechselt. In 18 Monaten erzielte er in 38 Einsätzen fünf Tore, 14 bereitete er vor. Mit Liverpool hatte der Mittelfeldspieler die Champions League (2005), den UEFA-Pokal (2001) und zweimal den FA-Cup (2001 und 2006) gewonnen. "Ich fühle mich glücklich, so viele schöne Highlights im Laufe meiner Karriere erlebt zu haben. Ich bin stolz, über 700 Spiele für Liverpool gespielt zu haben, von denen viele als Kapitän waren."
Der unverwüstliche Mittelfeldspieler, der bei der FIFA Fussball-WM 2014™ letztmals das Nationaltrikot überstreifte, hat auch seinem Verband einige unvergessliche Fussballmomente beschert. So bestritt er insgesamt 114 Länderspiele und hat ihren Platz unter Englands Fussballgrößen sicher. Nur Peter Shilton und David Beckham sind öfter für die Three Lions aufgelaufen.
FIFA.com wirft einen Blick zurück auf fünf der größten Augenblicke seiner beeindruckenden Nationalmannschaftskarriere.
England - Ukraine 2:0, 31. Mai 2000 (Freundschaftsspiel) Der damalige englische Nationaltrainer Kevin Keegan hielt im Mai 2000 ein ganz besonderes Geschenk zu Gerrards 20. Geburtstag bereit. Der Mittelfeldspieler aus Liverpool war seit dem Vortag kein Teenager mehr, da stand er im alten Wembley Stadium erstmals in der Anfangsformation der Nationalmannschaft. Es war der Beginn einer bemerkenswerten Länderspielkarriere. Der vielseitige Gerrard sortierte sich im rechten Mittelfeld der 3-5-2-Formation ein und kurbelte das englische Spiel über seine Seite verheißungsvoll an. Zehn Minuten vor Schluss musste er allerdings verletzt vom Platz humpeln. Bis zum letzten Vorbereitungsspiel vor der UEFA EURO 2000 war Gerrard jedoch wieder fit und beeindruckte in diesem Test so sehr, dass ihn Keagan in den 23-Mann-Kader für das Turnier berief.
Deutschland - England 1:5, 1. September 2001 (Qualifikation für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2002™) Die bei der UEFA EURO im Vorjahr gesammelte Erfahrung sollte sich für Gerrard als sehr wertvoll erweisen, als er in der (vermeintlichen) "Höhle des Löwen", dem Münchner Olympiastadion, auflief. Sven-Göran Eriksson vertraute dem 21-Jährigen die zentrale Position im Mittelfeld an und durfte sich bestätigt fühlen: Nachdem seine Mannschaft früh in Rückstand geraten war, schüttelte sie sich kurz. Anschließend drehte sie das Spiel gegen den alten Erzrivalen in beeindruckender Manier. Gerrard hatte maßgeblichen Anteil an einem der schönsten Siege der Three Lions. Gerrards erstes Länderspieltor hatte entscheidenden Charakter. Sein perfekt getroffener 20-Meter-Kracher zur englischen Führung unmittelbar vor dem Halbzeitpfiff kam für die Gastgeber zum psychologisch ungünstigsten Zeitpunkt. Sie sollten sich davon nicht mehr erholen. Für Deutschland war es die erst zweite Heimniederlage in einer WM-Qualifikation, für England der wohl entscheidende Schritt Richtung Korea/Japan 2002 nach einer zuvor enttäuschenden Qualifikation.
England - Trinidad und Tobago 2:0, 15. Juni 2006 (FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2006™) Trotz der Glanzleistung von München verpasste Gerrard verletzungsbedingt den Sprung in den Kader für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2002. Sein WM-Debüt feierte er entsprechend erst 2006 gegen Paraguay. Fünf Tage später schoss Gerrard sein erstes WM-Tor. Sein später Treffer gegen Trinidad und Tobago in Nürnberg beruhigte die englischen Nerven. Sieben Minuten vor Schluss hatte Peter Crouch eine Flanke von Beckham von rechts zur englischen Führung genutzt, aber erst Gerrards Knaller besiegelte Englands Einzug ins Achtelfinale. Der Mann mit der Nummer vier auf dem Rücken zog von rechts nach innen und gab dann einen für Shaka Hislop unhaltbaren Linksschuss ab. Duplizität der Ereignisse: Schon im FA-Cup-Finale einen guten Monat zuvor hatte Gerrard für Liverpool gegen West Ham United in ähnlich tückischer Weise getroffen.
Frankreich - England 1:1, 11. Juni 2012 (UEFA EURO 2012) Einen Monat vor dem Turnier war Gerrard dauerhaft die Kapitänsbinde übertragen worden. Bei der Europameisterschaft bekam er dann sogleich die Gelegenheit, einige böse Geister der vorigen EURO auszutreiben. Denn es war sein Rückpass gewesen, nach dem Thierry Henry 2004 nur noch mit einem Foul im Strafraum zu stoppen gewesen war. Zinédine Zidane hatte den fälligen Elfmeter verwandelt. Fast auf den Tag genau acht Jahre später trafen die alten Rivalen erneut in ihrem Auftaktspiel einer EM aufeinander - und wieder kam Gerrard in dem anschließenden Drama eine Hauptrolle zu. So war es sein Freistoß auf Joleon Lescott, der England im ersten Durchgang in Führung brachte. Dann machte Samir Nasri mit einem schönen Schuss den Ausgleich für Frankreich, und es hätte noch schlimmer kommen können, wenn Gerrard nicht in höchster Not eine eigentlich hundertprozentige Chance von Karim Benzema vereitelt hätte. Englands neuer Kapitän steigerte sich in der Folge von Spiel zu Spiel, so dass er am Ende in das Dream Team des Turniers gewählt wurde.
England - Polen 2:0, 15. Oktober 2013 (Qualifikation für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2014™) Gerrards Nationalmannschaftskarriere hatte einst im alten Wembley Stadium begonnen. Im neuen Stadion nahm er mit einem entscheidenden Tor auf dem Weg nach Brasilien 2014 mit den Three Lions Abschied von der Heimat. England benötigte einen Sieg, um die Qualifikation sicher zu haben – und Gerrard besiegelte ihn letztlich. Zwar hatte Wayne Rooney unmittelbar vor der Halbzeit per Kopf getroffen, aber angesichts der Erwartungshaltung im ausverkauften Rund und der noch reichlich verbleibenden Spielzeit trug selbst das nicht zur Beruhigung des englischen Spiels bei. Erst zwei Minuten vor Abpfiff sorgte Gerrard für die Erlösung. Obwohl ältester Spieler in der englischen Anfangsformation, hatte der Liverpooler noch genug Energie, einen riskanten Pass von James Milner zu erlaufen, zwei polnische Gegenspieler aussteigen zu lassen und den Ball dann zu versenken. Danach entlud sich die gesamte Erleichterung Englands in einem Freudentaumel, bei dem Gerrard ganz vorn mitfeierte - wusste er doch, dass er es gewesen war, der seine Mannschaft sicher nach Brasilien gebracht hatte.
Auch auf Twitter würdigten viele Stars des internationalen Fussballs die Verdienste der Liverpool-Legende.