Frankreich: Stolz und Enttäuschung
Nicht selten liegen nur Zentimeter zwischen Erfolg und Scheitern. Sehr wenige Zentimeter. Als André-Pierre Gignac in der 89. Minute des Finales der EURO 2016 aus der Drehung auf das portugiesische Tor schoss, fehlten genau diese Zentimeter.
Das launische Spielgerät klatschte an den Pfosten und prallte ins Spielfeld zurück, es wollte nicht über die Linie rollen. Diese Zentimeter werden ihn nun sehr lange quälen. "Das ist ein Albtraum", sagte der französische Stürmer im Gespräch mit FIFA.com, noch immer benommen nach der Krönung Portugals im Stade de France.
Frustration "Wir haben die Partie 90 Minuten lang beherrscht, und dann erledigen sie uns in der Verlängerung", klagte der Stürmer des mexikanischen Klubs Tigres, dem immer noch tausende Spielzüge im Kopf herumspukten. "Wir werden Zeit brauchen, um das zu verdauen. Das wird nicht der schönste Urlaub."
Seine schmerzerfüllten Worte werden durch die Statistik gestützt. Das Heimteam hatte am Ende 18 Schussversuche auf dem Konto im Vergleich zu den sieben der Portugiesen, es holte mehr Eckstöße heraus und hatte mehr Ballbesitz. Doch am Ende zählen nur die Tore, und der Siegtreffer von Éder in der 109. Minute gab den Ausschlag.
Dabei sah es über weite Strecken danach aus, als ob sich Frankreich vor eigenem Publikum zum Europameister krönen würde. Antoine Griezmann hatte gleich zwei gute Möglichkeiten per Kopf, bevor Moussa Sissoko aus der Distanz einen vielversprechenden Knaller auf das Tor von Rui Patricio schickte. Aber der portugiesische Torwart wuchs an diesem Abend über sich hinaus und war nicht zu überwinden. Und dann kam dieser Pfostenschuss, der verhinderte, dass Gignac zum ruhmreichen Helden wurde.
"Wir hatten sehr viel Pech, wir waren wirklich sehr nah dran. Deshalb ist es so schmerzhaft, so verloren zu haben", sagte der 30-jährige Angreifer, der in der 78. Minute für Olivier Giroud kam, um der Offensive neuen Schwung zu verleihen. "Ich bin sehr, sehr traurig. Aber man muss die positiven Punkte sehen", ergänzte er mit einem gewissen Stolz. "Wir waren ein starkes Team, das seiner Geschichte alle Ehre gemacht hat. Das bleibt uns."
Vielversprechende Zukunft Zu den positiven Aspekten gehört sicherlich auch die Erfahrung, die das Team im Verlauf des Turniers sammeln konnte. Denn es darf nicht vergessen werden, dass kaum ein Leistungsträger dieser französischen Nationalelf über 25 Jahre alt ist. Diese Grenze hat gerade Griezmann erreicht, Paul Pogba ist sogar erst 23 und Samuel Umtiti noch 22. Deshalb steht die Mannschaft trotz dieser Niederlage vor einer vielversprechenden Zukunft.
"Das gehört zum Fussball", philosophierte daher einer der "Routiniers" der Mannschaft, der ebenfalls erst 29-jährige Schlussman Hugo Lloris. "Trotz der Enttäuschung war es eine positive Erfahrung. Wir fühlen uns nicht gut, aber die Wahrheit ist, dass wir eine wichtige Grundlage geschaffen haben, die uns in den nächsten Jahren nützlich sein wird."
Der Torwart von Tottenham Hotspur beklagte die Niederlage, vergaß aber dabei nicht, den Rivalen zu beglückwünschen und den Blick schon wieder in die Zukunft zu richten. "Wir müssen Portugal gratulieren. Sie haben zwar keinen sehr offensiven Fussball gespielt, haben sich den Titel aber durch ihre mentale Stärke während des gesamten Turniers verdient. Wir müssen nun auf dem aufbauen, was wir gut gemacht haben, und nach vorne schauen."
Ähnlich äußerte sich der herausragende Akteur der Mannschaft, Antoine Griezmann, der nach seinen sechs Treffern mit dem Goldenen Schuh als bester Torschütze ausgezeichnet wurde. "Ich bin natürlich sehr stolz auf diese Truppe, obwohl wir nicht gewonnen haben. Wir werden stärker zurückkehren, davon bin ich überzeugt, und sehr bald wieder um einen Titel kämpfen."
Enttäuschung und Stolz mischten sich bei allen Akteuren. Frankreich beklagt heute eine bittere Niederlage, doch die Worte der Spieler nach der Partie lassen darauf schließen, dass die Trauer nicht lange anhalten wird. Dieses Mal fehlten Les Bleus die entscheidenden Zentimeter, aber ihr Talent und ihre Einstellung werden dafür sorgen, dass ihnen das Schicksal eine neue Chance geben wird. Portugal benötigte nur zwölf Jahre, um seine griechische Tragödie vergessen zu lassen.