Dienstag 28 Juni 2016, 16:01

Éder: "Haben uns monatelang auf Spanien vorbereitet"

  1. Juni 2008. Spanien setzt sich im Achtelfinale der EURO im Elfmeterschießen gegen Italien durch und legt damit den Grundstein für die nachfolgende Erfolgsserie. Der Sieg vor acht Jahren, der dank des verwandelten Elfmeters von Cesc Fábregas zustande kam, war der Wendepunkt für eine Mannschaft, die danach alles gewann. Die Spanier selbst erklären, dieser Sieg habe ihnen erst bewusst gemacht, wozu sie fähig waren und wie weit sie kommen könnten.

  2. Juni 2016. Zum dritten Mal in Folge kreuzen sich die Wege der Squadra Azzurra und der Roja bei einer Europameisterschaft. Spanien geht nach dem 4:0-Sieg im Finale der Auflage von 2012 als Favorit ins Rennen. Doch die Italiener legen eine makellose erste Halbzeit hin, sind dem amtierenden Europameister drückend überlegen und setzen sich am Ende verdient mit 2:0 durch. Sie waren mit einer hervorragenden Taktik angetreten, die sie in Perfektion umsetzten. Der Plan ging auf.

Einer der Leistungsträger in Paris war Éder, der gebürtig aus Brasilien stammt (genau wie Marcos Senna in der spanischen Auswahl der EURO 2008), dessen Herz jedoch für das südeuropäische Land schlägt für dessen Nationalteam er auch spielt. Mit seinen schnellen Vorstößen über die rechte Flanke brachte er die spanische Abwehr ein ums andere Mal in Bedrängnis. Éder analysiert die Partie für FIFA.com mit derselben Intelligenz, die er auch auf dem Spielfeld an den Tag gelegt hat.

Italiener mit brasilianischen Wurzeln Éder Citadin Martins kam vor 29 Jahren in Lauro Müller im Süden Brasiliens zur Welt, einer Stadt, die kurioserweise von italienischen Einwanderern gegründet wurde. Er bestritt in seinem Geburtsland nur ein Profispiel und wechselte dann nach Italien, wo er seit 2005 seine gesamte Karriere verbrachte.

"Man könnte sagen, dass ich fast gänzlich Italiener bin. Ich lebe schon so lange dort. Ich bringe zwar Eigenschaften des brasilianischen Fussballs mit, mein Spielverständnis ist jedoch das, was ich im Calcio gelernt habe", meint er auf die Frage nach seinen Wurzeln.

Und als guter Italiener verfügt er über ein enormes Taktikverständnis. Und so erklärt er auch ganz präzise den Plan, den der italienische Nationaltrainer Antonio Conte sich ausgedacht hat, um den zweimaligen Europameister zu schlagen, der sich in den letzten Jahren für die Italiener zum Schreckgespenst entwickelt hatte und gegen den sie bei den letzten beiden Europameisterschaften sowie im FIFA Konföderationen-Pokal 2013 ausgeschieden waren.

Der schnelle Außenbahnspieler erläutert zunächst das allgemeine Konzept. "Wir haben uns sehr gut auf die Partie vorbereitet. Das war nicht leicht, weil wir Spanien sehr gut kennen und wussten, dass es eine Mannschaft ist, die den Ballbesitzfussball hervorragend beherrscht. Daher war es für uns wichtig, uns von ihnen nicht den Rhythmus diktieren zu lassen."

Im Detail sah die Sache dann laut Éder so aus: "Daher wurde die Entscheidung getroffen, dass wir nicht so tief stehen würden wie normalerweise, sondern sie früher angreifen und den Torhüter so zu weiten Abschlägen zwingen sollten. Wir wussten, dass wir den Ball so dank unserer starken Verteidiger und defensiven Mittelfeldspieler leichter zurückerobern konnten, und genau so war es dann auch."

Langfristiger Plan Es war ein fundamentaler Sieg mit einer perfekten Strategie. Nichts daran war improvisiert. Die italienische Auswahl hat nämlich bereits vor Beginn der EURO begonnen, sich auf diese Partie vorzubereiten!

"Vor einigen Monaten haben wir ein Freundschaftsspiel in Udine bestritten. Damals hat der Trainer entschieden, diese Strategie auszuprobieren, damit wir sie anwenden können, falls wir hier erneut auf Spanien treffen. Daher wussten wir, dass es funktionieren könnte", offenbart der Angreifer von Inter Mailand. Bei besagtem Testspiel im März konnte Spanien den Führungstreffer von Lorenzo Insigne nur mit großer Mühe durch einen Treffer von Aritz Aduriz ausgleichen.

So hat Italien eine riesige Hürde überwunden, hat jetzt allerdings eine weitere vor der Brust, die vielleicht noch ein bisschen höher ist: den amtierenden Weltmeister Deutschland. Die italienische Auswahl hat jedoch in den letzten zehn Jahren nur ein einziges Spiel gegen die DFB-Auswahl verloren. Am 29. März dieses Jahres musste man in einem Testspiel in München eine bittere 1:4-Niederlage hinnehmen.

Für die Nummer 17 der Azzurri dient diese Partie ebenfalls als Richtschnur für die anstehende Viertelfinal-Begegnung. "Das ist eine Mannschaft mit Spielern, die schon seit vielen Jahren zusammenspielen. Schließlich handelt es sich um den Weltmeister!", meint er und macht deutlich, wie groß der Respekt vor dem Gegner ist. "Im Freundschaftsspiel haben sie uns das Ganze sehr schwer gemacht. Wir werden die Partie noch besser vorbereiten müssen wie gegen Spanien, wenn wir weiterkommen wollen."

Nach dem Auftritt gegen die Spanier verspricht das Viertelfinale, das am 2. Juli in Bordeaux stattfindet, eine spannende Angelegenheit zu werden. Auch wenn Deutschland vielleicht als Favorit ins Rennen geht, sollte man Italien keineswegs unterschätzen.

Laut Éder hat das italienische Team einen starken Charakter, und es gibt keine Mannschaft, die man nicht schlagen könnte. "Seit der ersten Partie der EURO gegen Belgien wissen wir, wozu wir fähig sind. Doch Selbstvertrauen zu haben heißt nicht, dass wir jetzt aufhören können, hart zu arbeiten. Und ich glaube, genau dieses Engagement ist es, was uns bisher gute Ergebnisse gebracht hat. Wir wurden nicht als Favoriten gehandelt, waren jedoch überzeugt, dass alles nur von unserem eigenen Einsatz abhängt, und da sind wir nun. Bis hierher sind wir bereits gekommen. Jetzt werden wir nicht nach Hause fahren."