"Das Spielfeld ist für mich der beste Ort auf der Welt. Im Fussball fühle ich mich mit mir selbst im Einklang."
Seine Stimme und seine Körpergröße von 1,96 m vermitteln den Eindruck, als sei er die Ruhe in Person, doch wenn Edigerson Eddi Gomes das Spielfeld betritt, verwandelt er sich. "Ich bin schon ein wenig durch mein 'dreckiges' Spiel bekannt. Jede Mannschaft braucht einen solchen Spieler, und mir gefällt diese Rolle", meint er im Gespräch mit FIFA.com lächelnd und mit glänzenden Augen. Wer voreingenommen an die Sache herangeht, könnte ihn leicht als 'bösen Buben' einstufen. Doch hinter dem Innenverteidiger der dänischen Olympiaauswahl verbirgt sich eine interessante Mischung. Das wird deutlich, als er seine Geschichte erzählt.
"Ich bin Verteidiger geworden, weil das Leben mich gelehrt hat, dass ich mich verteidigen muss. Wenn du in einer Favela oder an einem ähnlichen Ort aufwächst, musst du dich selbst verteidigen. Du musst stark und wachsam sein. Du darfst keine Fehler machen, denn sie könnten dich das Leben kosten. Ich glaube, das ist der Grund dafür, dass ich gern verteidige und auf dem Platz hart durchgreife. Ich spiele nicht Fussball, um Freunde zu gewinnen. Mit den Teamkameraden ist es natürlich etwas anderes, aber die anderen…Selbst wenn du mein Bruder bist, bin ich während der 90 Minuten nicht mehr dein Bruder."
Gomes ist Däne, kam jedoch in Guinea-Bissau zur Welt, einer ehemaligen portugiesischen Kolonie im verarmten äußersten Westen Afrikas. "Ich habe immer bis spät abends mit meinen Freunden und Freundinnen auf der Straße Fussball gespielt. Ich kam um zehn oder elf Uhr abends nach Hause, und habe dafür Schelte von meiner Oma bekommen, aber der Fussball war einfach mein Leben. Für ein afrikanisches Kind ist der Fussball das Leben außerhalb der Armut."
Er verließ Guinea im Alter von "sechs oder sieben Jahren", siedelte jedoch nicht etwa nach Dänemark über, sondern zog mit seiner Mutter in einen Slum in Portugal. "Das Leben in einer Favela bedeutet Drogen, Dealer, Polizei, Schießereien, sterbende Menschen… Mein Vater und meine Stiefmutter, die Dänin ist, kamen manchmal aus Dänemark, um mich zu besuchen, und beschlossen, mich aus diesem Leben herauszuholen. Sie baten meine Mutter um ihr Einverständnis, und sie akzeptierte. Das war schon ziemlich hart, aber als afrikanisches Kind weißt du, warum du weggehen musst, nämlich für eine bessere Bildung und ein besseres Leben."
Im Alter von elf Jahren fand Eddi sich plötzlich an einem ganz anderen Ort wieder und mit der Zeit begann er, von einem Leben als Fussballprofi zu träumen und davon, eines Tages für sein Land aufzulaufen." Laut eigenen Angaben hat er "einen gelungenen Mix im Kopf" und fühlt sich heute als "eine Mischung aus Afrikaner und Däne". Doch wenn es darum geht, sein Land zu repräsentieren, dann war und ist dieses Land Dänemark. Als dann vor zwei Monaten in China sein Telefon klingelte – er spielt dort für Henan Jianye in der chinesischen Super League – und Nils Frederiksen, der Trainer der Olympiaauswahl, ihn fragte, ob er mit nach Rio fahren wolle, konnte er sein Glück kaum fassen.
"Ich habe erst mal zwei Sekunden gebraucht, um mir klarzumachen, dass es wirklich wahr ist. Das ist einfach grandios. Ich glaube, ich kann es gar nicht in Worte fassen. Meine Oma sagte immer: 'Geh das Ganze ruhig an und genieße den Weg.' Genau das tue ich. Manchmal frage ich mich noch, ob das alles wirklich wahr ist, oder ob ich träume. Aber es ist wahr."
Im Auftaktspiel der Dänen gegen Irak lief er zum ersten Mal im dänischen Trikot auf. "Das war unglaublich. Am meisten habe ich mich auf das Abspielen der Nationalhymne gefreut. Ich war etwas nervös, aber es war einfach grandios." Rio 2016 ist eine Riesenauszeichnung für einen 27-jährigen Spieler, der dem Fussball im Alter von 19 Jahren ein Jahr lang enttäuscht den Rücken gekehrt hat, weil "der Trainer seine Freunde einsetzte". Bis zum Alter von 24 Jahren spielte er noch bei Herlev IF in der dritten dänischen Liga. Über eine Zwischenstation in der zweiten Liga unterzeichnete er erst im Juli 2014 einen Vertrag bei Esbjerg fB, wo er sein Erstligadebüt gab. Nach sechs Monaten wurde er nach China transferiert. "In meiner Karriere ging in den letzten drei Jahren alles sehr schnell."
Er wird wohl nie erfahren, ob ihm als Torhüter – denn auf dieser Position spielte er als Jugendlicher – schneller der Sprung in eine der dänischen Nationalmannschaften gelungen wäre. Sein Trainer sah für ihn seinerzeit große Entwicklungsmöglichkeiten, doch er selbst bestand auf einen Wechsel in die Abwehr. "Alle guten Torhüter sind etwas verrückt, und man muss noch etwas verrückter sein als ich es bin. Außerdem verteidige ich gern, und zwar auch im Kollektiv. Gemeinsam mit den anderen ein Tor verteidigen. Verteidiger zu sein ist hot. Man spürt das Adrenalin."
Am Sonntag, 7. August, steht für Dänemark die Partie gegen Südafrika auf dem Programm, am Mittwoch, 10. August, geht es gegen Gastgeber Brasilien. In der Lobby seines Hotels in Brasilia gibt er sich davon wenig beeindruckt.
"Alle wollen gegen Brasilien spielen, ich würde lügen, wenn ich sagen würde, das wird ein Spaß. Aber für mich wird es genauso hart werden wie gegen Südafrika oder Irak. Du kannst nicht in dieses Spiel gehen und sagen: 'Oh, das ist Brasilien, jetzt habe ich Angst'. So habe ich in meinem Leben noch nie gedacht. Man muss auf den Platz gehen und spielen wie immer. Es stimmt schon, dass Neymar zu den besten Spielern der Welt gehört, aber er ist auch nur ein Mensch, genau wie ich. Und ein einziger Mann kann nicht alles allein machen. Es geht immer um die Mannschaft."
Vielleicht würde Neymar ja lieber nach seinem Karriereende mit ihm in Dänemark zusammentreffen. Nach dem Fussball strebt Eddi Gomes, der harte Verteidiger, nämlich eine Tätigkeit als Erzieher im Kindergarten an.