Freitag 26 August 2016, 14:49

Djoubi hat Titel im Visier

Soline Djoubi kann kaum glauben, dass die gesamte Aufmerksamkeit plötzlich ihr gilt. Und das, obwohl sich im gleichen Raum kein Geringerer als Roger Milla befindet, der für Kamerun bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ Geschichte geschrieben hat. Außer Milla sind noch mehrere kamerunische Minister sowie der Präsident des kamerunischen Fussballverbandes und dessen Exekutivkomitee anwesend.

Sie alle haben sich an diesem 1. April 2016 versammelt, um Soline Djoubi und ihre Mitspielerinnen von der kamerunischen U-17-Auswahl zu ehren, die sich gerade zum ersten Mal für eine FIFA U-17-Frauen-Weltmeisterschaft qualifiziert hat. Ebenso wie die anderen illustren Gäste hielt schließlich auch die Spielführerin der Löwenbabys eine kleine Rede. Sie sprach mit schüchterner und zögerlicher Stimme, was für ein 16-jähriges Mädchen auch nicht gerade verwunderlich ist. Als FIFA.com ein paar Monate später ein Interview mit ihr führt, hat sich daran nicht viel geändert.

Nachdem wir sie jedoch an die gelungene WM-Qualifikation erinnert haben, wird ihre Stimme sofort kräftiger und lauter. "Es ist ja schon eine ganze Weile her, dass wir die Qualifikation geschafft haben. Trotzdem macht es immer wieder Spaß, an diesen Moment zurückzudenken", so Djoubi, die plötzlich sicher und begeistert klingt. "Vor allem deshalb, weil wir in dieser Qualifikation ganz schön bangen mussten. Daher ist unsere Freude darüber umso größer", sagt sie in Anspielung auf ein Auswärtsspiel in der ersten Qualifikationsrunde in Äthiopien, das für die jungen Kamerunerinnen beinahe das Ende ihres Abenteuers bedeutet hätte.

Gebotene Chance nutzen Das Hinspiel in Douala hatte Kamerun dank eines Doppelpacks von Soline Djoubi mit 2:1 gewonnen. Beim Rückspiel in Addis Abeba indes sah es lange danach aus, als ob der knappe Vorteil aus der ersten Begegnung am Ende nicht reichen würde. "Wir lagen mit 0:2 hinten, und dann gelang uns in der 87. Minute doch noch ein Tor, sodass es insgesamt unentschieden stand", so Djoubis Kommentar zum Treffer von Alexandra Takunda Engolo, der ihre Mannschaft fast die für diese WM-Qualifikation geltenden Regeln vergessen ließ. "Wir baten die Schiedsrichterin, in die Verlängerung zu gehen, zumal wir gesehen hatten, dass die Äthiopierinnen müde waren. Doch sie lehnte ab, da in dieser Altersklasse der direkte Übergang zum Elfmeterschießen vorgeschrieben ist."

Djoubi traf als Erste einer Serie, die ihr Team nach sechs Schussversuchen mit 5:4 für sich entscheiden konnte. "Das waren wirklich zwei sehr schwere Spiele", so Djoubi im Rückblick. "Inzwischen haben wir die Schwierigkeiten, die physische Erschöpfung und die vielen Strapazen längst hinter uns gelassen. Die Qualifikation ist abgehakt. Jetzt sind wir in Form und bestens für die Weltmeisterschaft gerüstet. Wir wollen nur noch eines, nämlich dort dabei sein."

Die Stimme, mit der sie unsere Fragen beantwortet, ist noch immer dieselbe, doch der Ton hat sich nach den ersten Minuten bereits verändert. Langsam begreifen wir, warum Auswahltrainer Minkreo Birwé ihr die Kapitänsbinde anvertraut hat. Man bekommt direkt eine Vorstellung davon, wie sie ihre Teamkolleginnen motiviert. "Ich werde ihnen sagen, dass eine Weltmeisterschaft eine Chance ist, die einem im Leben vielleicht nur ein einziges Mal geboten wird. Jetzt haben wir diese Chance, also müssen wir sie auch nutzen", so Djoubi auf unsere Frage nach ihrer Ansprache vor dem ersten WM-Spiel Kameruns in Jordanien. "Wir müssen versuchen, unsere Namen in die Geschichtsbücher einzutragen. Das wäre einfach toll. Daher müssen wir alles geben, denn bei einer Weltmeisterschaft darf man sich keine Fehler leisten."

Vor allem dann, wenn es sich bei den Gegnern in Gruppe B um Teams wie Deutschland, Kanada und Venezuela handelt – drei gestandene Teams in dieser Altersklasse. Doch statt sich um die unmittelbare Zukunft zu sorgen, bezieht Soline ihr Selbstvertrauen lieber aus der Vergangenheit. Vor einem Jahr saß sie noch am Fernseher, um den erfolgreichen Auftritt ihrer "großen Schwestern" zu bestaunen, die ebenfalls zum ersten Mal bei einer FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™ mit von der Partie waren. "Sie haben bewiesen, dass nicht nur Teams mit viel Erfahrung etwas bewirken können, die bei Weltmeisterschaften zu den Stammgästen zählen", so Djoubi über das Abschneiden der Unzähmbaren Löwinnen, die 2015 in Kanada dank ihrer offensiven und spektakulären Spielweise auf Anhieb die K.-o.-Runde erreichten und dann im Achtelfinale an der VR China scheiterten. "Wenn sie gegen die Chinesinnen nur ein bisschen besser gespielt hätten, wären sie sicher noch viel weiter gekommen. Sie haben die ganze Welt zum Träumen gebracht, und sie haben bei vielen jungen Kamerunerinnen die Leidenschaft für den Fussball entfacht."

Träumen ist erlaubt Zu ihnen gehörte auch die 16-jährige Spielführerin der U-17-Auswahl, wenngleich deren Leidenschaft für den Fussball auf einen anderen Umstand zurückzuführen ist. "Als ich klein war, habe ich mit meinen größeren Brüdern Fussball gespielt. Damals wusste ich nicht einmal, dass es den Frauenfussball überhaupt gibt", erzählt sie, als läge ihre Kindheit bereits in weiter Ferne. Dabei sind die Ferienturniere, an denen sie teilnahm, gerade einmal zwei bis drei Jahre her. Im Alter von 14 Jahren wurde sie in die Jugendabteilung von AS Police aufgenommen. Ein Jahr später wechselte sie zu Canon Yaoundé. Und in wenigen Monaten wird sie bereits mit der U-20-Auswahl und der A-Nationalmannschaft ihres Landes trainieren. Ihre bisherigen Erfahrungen haben ihr dazu verholfen, in den beiden Qualifikationsrunden für die FIFA U-17-Frauen-Weltmeisterschaft gegen Äthiopien und Ägypten für Furore zu sorgen. Derzeit ist sie optimistisch, es in Jordanien weit bringen zu können.

"Ich denke, dass Kamerun diese Weltmeisterschaft gewinnen kann. Dieses Ziel haben alle Mannschaften, die sich für das Turnier qualifiziert haben", meint Djoubi, die ein bekennender Fan von Samuel Eto’o, dem "großen Spieler mit der Rückennummer neun" im Männerfussball sowie von Gaelle Enganamouit, der Torjägerin des kamerunischen A-Nationalteams, und der Brasilianerin Marta ist. Sie selbst trägt wegen ihrer Bewunderung für Andrés Iniesta die Rückennummer acht. "Auch wenn es unsere erste WM-Teilnahme ist, wollen wir dort so weit wie möglich kommen. Träumen ist dabei ausdrücklich erlaubt. Unsere besondere Stärke liegt im mentalen Bereich. Es reicht nicht aus, gute Physis und technische Fähigkeiten zu haben. Es sind vor allem auch mentale Qualitäten gefragt."

All diese Eigenschaften bringt sie mit, auch wenn ihre leise, ausgesprochen sanfte Stimme dies vielleicht nicht vermuten lässt. Und mit dieser Stimme müsste Soline Djoubi sicher noch viele Reden halten, falls sie mit der WM-Trophäe im Gepäck nach Kamerun zurückkehren sollte.