Denkt man an den niederländischen Fussball, so fällt einem sofort der Voetbal Total ein. Dieser war in den 1970er Jahren das Markenzeichen von Oranje um die Superstars Johan Cruyff und Ruud Krol. Gekennzeichnet war diese Spielphilosophie von herausragender Technik und Physis. Kein Wunder also, dass sich Futsal in den Niederlanden ebenfalls großer Beliebtheit erfreut und die Europäer einen großen Anteil an der Entwicklung der Hallensportart hatten.
"Wir mögen Technik, Ballbesitz und schönes Spielen. Im Futsal hast du oft den Ball, man muss technisch gut sein, man hat viele Torchancen und es geht schnell. Das gefällt uns Niederländern. Das liegt an unserer Fussballkultur", erklärt Marcel Loosveld, aktueller Trainer der holländischen Futsal-Nationalmannschaft, im exklusiven Interview mit FIFA.com die Begeisterung seiner Landsleute.
1989 wurde in den Niederlanden die erste FIFA Futsal-Weltmeisterschaft der Geschichte ausgetragen und der Gastgeber scheiterte erst im Finale an Brasilien. Bei den folgenden drei Auflagen war man ebenfalls dabei, schied aber in der zweiten Runde aus. 2000 hatte Oranje jedoch den letzten Auftritt auf der Weltbühne und verpasste die nächsten drei Weltmeisterschaften. 2016 in Kolumbien will man endlich wieder dabei sein. Die letzte Hürde auf dem Weg zu diesem Ziel heißt Aserbaidschan, gegen die die Niederländer am morgigen Dienstag im Playoff-Hinspiel antreten werden.
Volle Unterstützung der Fans "Wir müssen konzentriert arbeiten, denn die WM ist jetzt richtig nah. Das ist ein sehr wichtiges Spiel. Es wäre unglaublich, wenn wir es schaffen", meint Zaid El Morabiti, der Kapitän der Niederländer, gegenüber FIFA.com. Und auch in dieser Partie wird sich die holländische Futsal-Leidenschaft erneut zeigen. "Ich habe gehört, dass das Spiel ausverkauft sein wird. 2.200 Zuschauer werden da sein. Das wird ein großartiges Spiel", fiebert der Offensivspieler der Partie entgegen.
Es ist für die Niederlande die Chance, endlich wieder an vergangene Erfolge anzuknüpfen und ins Konzert der Großen zurückzukehren. "Wir haben die Entwicklung nicht aggressiv genug angenommen. Spanien war damals beispielsweise nicht so weit, aber hat viel unternommen, um sich so zu entwickeln. Bei uns wurde das vernachlässigt. Das finde ich sehr schade. Wir haben definitiv vergessen, wichtige Schritte zu unternehmen", zeigt sich Loosveld enttäuscht über den Werdegang des Futsal in seiner Heimat.
Der 53-Jährige spielte 1989 selbst bei der WM und erzielte im Finale das Tor zum zwischenzeitlichen 1:1. Ein großer Nachteil sei für ihn aktuell, dass es in den Niederlanden keine Profiliga gibt und seine Spieler dadurch nicht an solche schweren Aufgaben, wie eine WM-Qualifikation, gewöhnt seien. Darin, dass es sich jetzt beim Playoff aber nur um zwei Spiele gegen einen Gegner und nicht um ein Qualifikationsturnier handelt, sieht der Übungsleiter aber einen Vorteil. "Wir konzentrieren uns nur auf einen Gegner und können diesen richtig analysieren und uns richtig vorbereiten."
Angriff ist die beste Verteidigung In der Partie soll also nichts dem Zufall überlassen werden. "Wir müssen versuchen, direkt in ihrer Hälfte zu verteidigen. Wir sind am besten, wenn wir den Ball haben. Also müssen wir versuchen, den Ball so bald wie möglich zu bekommen und das geht am schnellsten schon in der gegnerischen Hälfte", blickt der Trainer voraus. "Die Details werden entscheidend sein. Wir müssen zum Beispiel bei Ecken, Freistößen oder im Spiel fünf gegen vier konzentriert sein", fügt sein Kapitän El Morabiti, der nebenbei als Lehrer arbeitet, an.
Im Gespräch merkt man dem 31-jährigen an, dass er sich unbedingt seinen WM-Traum erfüllen will. "Ich glaube, das wird meine letzte Chance auf eine WM-Teilnahme sein. Ich habe bei allen großen Futsal-Turnieren gespielt, aber ich war nie bei einer WM."
Sein Trainer hat diese Erfahrung bereits gemacht, "aber er spricht nicht gerne darüber", so El Morabiti, obwohl Looseveld nach eigener Aussage "sehr schöne" Erinnerungen an die Heim-WM hat. Aber für ihn ist das "Vergangenheit".
Die Gegenwart heißt Aserbaidschan und die Zukunft soll dann Kolumbien heißen. Sowohl Trainer als auch Kapitän gehen zuversichtlich in das Duell. "Ich denke, die Chancen stehen 50:50. Sie haben einige gute Spieler, aber es ist nicht Portugal, Russland oder Spanien. Würden wir gegen die spielen, wären unsere Chancen nur bei 20 Prozent", zeigt sich El Morabiti selbstbewusst.
Auf die abschließende Frage, ob wir die Niederlande bei der WM in Kolumbien sehen werden, antworteten beide unabhängig voneinander identisch, voller Selbstvertrauen und eindeutig mit "Ja". Die futsal-verrückten Niederländer können also auf ein Ende der langen Leidenszeit hoffen.